A.M., Paris, im Juni

Wenig dürfte so aufschlußreich für den allmählichen Wandel des politischen Klimas in Frankreich sein wie die Tatsache, daß es nun in Paris in mehreren Fällen zu "rassistischen" Zwischenfällen gekommen ist. Bei der latenten Feindseligkeit gegen die "Sidis", die Algerier, läßt sich zwar noch darüber streiten, ob es sich dabei um Rassenfragen handelt. Eindeutig ist jedoch der Fall, wenn Neger überfallen werden, weil sie mit weißen Mädchen spazierengehen.

Bisher galt Paris – im Unterschied zur Provinz, die sich von jeher anders verhielt – als eine Stadt, in der die verschiedenfarbigsten Pärchen ungeniert Arm in Arm spazierengehen konnten. Das scheinen nun die jungen Nationalisten ändern zu wollen – und dies überrascht nicht, denn ein puristisches Eifern gegen die läßlichen und "legeren" Züge im altgewohnten Bilde Frankreichs gehört nun einmal zu ihren Charakteristika.

Haben die Überfälle der letzten Woche überhaupt politische Bedeutung? Sind sie nicht einfach das Werk von "Halbstarken", die es eben auch in Frankreich gibt? Nun – das eine braucht das andere nicht auszuschließen. Der Saalschutz der Jeune Nation, der zur Zeit bekanntesten unter den supernationalistischen Gruppen, rekrutiert sich zum größten Teil aus Jünglingen in Lederjacken, deren ,,fureur de vivre" à la James Dean leicht ähnliche Wege gehen kann wie bei den Teddy-Boys von Nottinghill. So brauchen sich denn etwa die Meldungen von dem Überfall von etwa 15 Jugendlichen auf vier – ein weißes Mädchen begleitende – Negerstudenten im Viertel um den Ostbahnhof nicht zu widersprechen. Einmal hieß es, es habe sich einfach um eine Bande von "demi-sel" (halbgesalzen – so nennt man die Halbstarken in Frankreich) gehandelt; in anderen Meldungen wiederum wurde ein Chef der "Jeune Nation" als Rädelsführer entlarvt. Die vier Neger wurden erheblich verletzt, und der Zwischenfall wird sein Nachspiel teils vor dem ordentlichen Gericht, teils vor dem Jugendgericht haben.