Je länger der General de Gaulle regiert, desto mehr setzt sich, bei seinem Volke die Überzeugung durch, daß man es nicht mit dem gleichen Manne zu tun hat, der schon einmal regierte und dann enttäuscht den Schauplatz politischer Taten verließ. Man glaubt, dies sei ein anderer de Gaulle. Nicht mehr der hochmütige Zyniker in Generalsuniform, der oft genug fürchten ließ, daß er, der die Franzosen liebte, den Franzosen, den einzelnen, verachtete. Nicht mehr der Unnahbare, dem man nur antworten durfte, wenn man gefragt war. Nicht mehr der Tagträumer, den die Karikaturisten als die männliche Abart der Jungfrau von Orleans darstellten.

Der andere, der neue, der verwandelte de Gaulle, der Präsident und Reichsverweser Frankreichs, hat das Offizierscape mit dem Mantel der Vaterwürde vertauscht. Noch ist er nicht ganz hineingewachsen, aber schon berichten Menschen, daß sie, nachdem sie im Präsidentenpalais prunkvolle Korridore und Zimmer durcheilten, in denen viel Gedränge herrschte, einem Manne gegenübersaßen, der mit einem Lächeln ihre Schüchternheit verjagte und sie anhörte, ruhig anhörte, ohne sie zu unterbrechen. Allerdings hat de Gaulle bei solchen Anlässen eines mit seinem deutschen Freund Adenauer gemeinsam; er haßt nichts so sehr wie gelangweilt zu werden. Und da ein Vergleich zwischen beiden Staatsmännern einmal angedeutet wird, sei sofort hinzugefügt: Der Deutsche ist lässiger, witziger, "realistischer", kurzum: "französischer" als de Gaulle, der in seiner Trockenheit, seiner edlen, aber oft recht komplizierten Vorstellung von Pflicht und Pflichterfüllung, in seiner abstrakten Vaterlandsliebe und seinen manchmal nebulös erscheinenden Zukunftsideen eine Erscheinung verkörpert, die man — speziell in Frankreich :— mit dem Beiwort "deutsch" charakterisiert.

Gibt es auch viele Franzosen, die de Gaulle mißtrauen, weil sie seinen "deutschen" Eigenschaften Mißtrauen entgegenbringen, so ist doch gewiß, daß die Bezeichnung "deutsch" kein Schimpfwort mehr ist. Und dies ist im wesentlichen wiederum ein Verdienst desselben de Gaulle, der als ein Verwandelter aus der Einsamkeit des lothringischen Dorfes CoMacht zurückkehrte: gealtert, tiefe, graue Schatten unter den Augen, aber ein Lächeln, ein karges, um die Lippen, ein hoher Herr, der herrschen will, es aber nicht mehr seiner würdig hält, Menschen anzuherrschen, es sei denn, er verwendet dies alte Generalsmittel, um das Verfahren abzukürzen . "Der Kreis meiner Freunde, mein General", so begann ein äußerst prominenter Sprecher der algerischen Siedler, einer von jenen radikalen Führern, denen de Gaulle die Präsidentschaft zu verdanken hat, die Unterredung, "alle meine Freunde sind mit Ihrer Algerienpolitik nicht einverstanden!" — "Dann ist es höchste Zeit", erwiderte de Gaulle, "daß Sie Ihre Freunde wechseln Und die Unterredung war zu Ende.

Wenn man bedenkt, daß diese kleine Szene, die nur eine unter vielen ähnlichen ist, einen argen Rückfall in die de Gaulleschen Generalsallüren darstellt, so mag man sich wundern, daß sie in Frankreich freundlich aufgenommen und eifrig kolportiert wurde. Es ist jedoch nicht allein Schadenfreude über den radikalen Politiker aus Algier, der so "abgekanzelt" wurde; es ist noch etwas anderes. "Der Präsident", so sagte ein Franzose, der de Gaulle mit Skepsis betrachtet, "spielt seine neue Vaterrölle so gut, daß es den meisten Franzosen unmöglich ist, an ihr zu zweifeln. Weil er frliher mit sarkastischen Äußerungen nicht sparte, hiben viele den arroganten General de Gaulle gehaßt, obwohl er ihr Befreier war, der erstaunliche Mann, der sich im Umgang mit den Deutschen nicht die Finger schmutzig gemacht hatte und daher als siegreicher Heimkehrer allerlei Recht besaß, die daheimgebliebenen Franzosen von oben herunter zu behandeln. Sie verstehen, was ich meine? Es ist sehr kompliziert! Heute sehen viele in de Gaulle den Vater, den fater einen Vater von äußerster Güte und Liberalität, einen herzinnigen Vater, der zugleich — welch Paradoxon! — allmächtig ist und jederzeit in der Lage, auf den Tisch zu schlagen, daß es nur so kracht " "Nun gut, aber eine Frage: Wieso ist das alles kompliziert? Warum fürchten Sie, ich könnte etwas mißverstehen?" schinengewehrmunition aufbewahrt werden. Und sobald die wenigen deutschen Untertanen des deutschen Majors zu Bett gegangen, geben beide Parteien die nötigen Tropfen Öl an das Maschinengewehr. Die Handgranaten wechseln in "frartzösische Hände" über. Und diö provenzalische Nacht kommt über Freund und Feind.

Zwei Stunden spater krachen die Handgraftaten. Und die Resistance — ja, wer denn sonst? — kämpft gegen die "Festung" des Ortskommandanten, worauf dieser — auch nicht faul — aas Feuer energisch aus dem gleichen Maschinengewehr erwidert, das beide Fronten gerade zuvor 1unwillkürlich jene Pause ein, wie sie oft nach voreiligem, schallendem Gelächter entsteht. Herrgott, so leicht wie diese "Lösung" hier erscheint, war die Situation ja auch wieder nicht! Es ist ja Vercors berühmte Novelle "Le Silence" geschrieben und verstanden worden als ein Kapitel französischer Selbstbehauptung: Der Feind dringt ins Land, tritt ein in den gepflegten Raum des Besiegten, der sich jetzt fragen muß, ob er falsch gelebt hat — wie wäre er sonst besiegt worden? —, und der dem Eindringling, mag dieser auch wohlwollend sein, nur eine Kraft, nämlich die Sprache des Niedergeschmetterten, Aufn : AP hilfsbereite, biedere Männer gegeben hat, die gegroßes Werk verehrten. Genug! Der Krieg, der Hekatomben von Soldatenblut gesoffen hatte, tat noch einen gewaltigen Schluck in Frankreich. Was danach kam, war neues Schweigen. Auf Französich Le Silence. Auf Deutsch: Unbewältigte VerJener Lehrsatz aus der Psychologie ist mittlerweile eine Binsenwahrheit geworden, der da lautet: Komplexe werden aufgelöst, indem man Unterbewußtes oder Halbbewußtes ans Licht holt — wonötig mit Hilfe des Arztes. Als ein solcher Arzt ist de Gaulle hervorgetreten. Einige sagen, er habe einfach Glück dabei gehabt; andere meinen,