Man unterschätze dumme Fragen nicht! Jedenfalls waren meine einfältigen Fragen der Auftakt zu Gesprächen, die sich fortsetzten und eine, wie ich fand, hübsche Geschichte zutage förderten, eine jener bisher verheimlichten deutsch-französischen Begebenheiten, von denen ich wünschte, dabeigewesen zu sein. Gleichgültig, auf welcher Seite! Ihre Warheit übrigens wurde mir von einem BeteiIigtepn beschworen.

Südfrankreich ... Vichy-Land. Seit Jahren sitzt in einem Städtchen ein deutscher Ortskommandant, Richter im Zivilberuf, nicht mehr der jüngste. Er hat im ersten Weltkrieg als blutjunger Leutnant gegen Frankreich gekämpft. Er spricht Französisch mit dem harten Akzent der Provence; das heißt: sein Schulfranzösisch wurde, seit er Ortskommandant ist, um viele deftige Ausdrücke bereichert, die Nasallaute gelingen ihm nicht mehr nach Wunsch; er bittet daher die Leute, Hochfranzösisch zu sprechen: Nicht, weil er sie nicht verstünde, nein, er versteht sie gut. Aber er ist ein Mensch, der Frankreich, zumindest seine Kultur, aus ganzem Herzen liebt, oder das, was er sich unter "französischer Kultur" vorstellt. Aber weil er ständig mit Menschen zu tun hat, denen er helfen oder wenigstens Kniffe verraten muß, wie sie mit den neuen Verordnungen fertig werden, "unterwandert" ihn unmerklich das Idiom Südfrankreichs. Er hilft sich, indem er rheinische Witze auf Französisch erzählt, wobei er den Namen "Tünnes" gegen "Marius" austauscht (es stimmt immer), und schließlich glaubt er, daß er eingewurzelt sei – ein guter Ortskommandant ‚ so wie er es sieht. Aber wenn sein Französischlehrer aus dem Gymnasium jetzt seine Redeweise hörte – er würde ihm, anstatt "Sehr gut" wie einst "Mangelhaft" ins Zeugnis schreiben. Selbstverständlich, daß er Boule spielt – hinterm Haus auf dem Rasen. Selbstverständlich kennt er das Kartenspiel, dessen Regeln – welche Schicksalsgleichheit zwischen "erbfeindlichen" Völkern! – die gleichen sind. Und unterdessen landen die Alliierten in Afrika und bald auch auf dem Festland...

In diesem Moment setzt unter den Skatfreunden ein großes Palaver ein. Es gilt, reinlich zu scheiden zwischen "Besetzern" und "Besetzten", zwischen Siegern und Besiegten, deren Rollen sich bald umkehren werden. Und so wird eine deutsch-französische Abmachung getroffen, die in beiden Sprachen mit dem englischen Ausdruck Gentleman Agreement bezeichnet wird: Man schließt die Kisten auf, in denen die Handgranaten und die Gurte der Mageschmiert hatten. Bei diesem Scheingefecht zwischen der neu gebackenen Résistance und der deutschen Ortskommandantur wurde niemandem ein Haar gekrümmt.

Während de Gaulle einmarschierte, der Schwächste unter den Alliierten und ihr oft unbequemer Mahner und Nutznießer, ist, wie die Einwohner des Dorfes hoffen, jener Major gesund und unversehrt nach Düsseldorf zurückgekehrt, der seinen französischen Feind-Freunden noch zuletzt einen kostbaren Schatz verschaffte, den sie künftig wohl nutzen, aber leider nicht erklären durften: das politische Alibi der Résistance...

Als im Gespräch diese Pointe gefallen war, trat entgegensetzen kann: das Schweigen. Und Schweigen, das ist ein großer Bann.

Es ist aber dies der Bann, den de Gaulle gebrochen hat, als er bei seinem ersten Präsidentenbesuch in Vichy die Arme zum Zeichen des V gleich Victoria in seiner zugleich linkischen und rührenden Weise erhob. (Churchill brachte das gleiche Symbol unter grimmigem Lächeln stets mit zwei Fingern zustande, was vielleicht einiges über den Unterschied zwischen französischer und englischer Mentalität aussagt.) Die langen Arme zum "V" erhoben, rief de Gaulle mit brüchiger und um so ehrlicher klingender Stimme: ‚Wir wollen vergessen, verzeihen!‘

Vergessen? Daß viele sich vor den Deutschen beugten, ohne es nötig zu haben – das soll vergessen sein? Es soll auch vergessen sein, daß zehn-, zwanzigtausend Menschen als Racheopfer der Resistance – der echten und der angeblichen – auf der Strecke blieben?