Von Siegfried Vegesack

Es sind nun schon über vierzig Jahre her, daß ich, schwerkrank und halbverhungert, aus der Großstadt in den Bayerischen Wald kam. Es war nur an einen vorübergehenden Aufenthalt gedacht – aber der Wald ließ mich nicht mehr los, und wenn ich auch zwischendurch oft auf Reisen ging – es hat mich immer wieder hierher zurückgezogen: der Wald ist mir zur zweiten Heimat geworden. Was zog mich her? Was hat mich hier festgehalten?

Das läßt sich schwer in wenigen Worten erklären. Es kam ganz von selbst. Irgend etwas – so scheint mir – muß mich hier doch an die Wälder meiner alten Heimat in Livland erinnert haben. Auch hier beherrschen den Horizont weit hingelagerte blaue Waldketten, auch hier ist die Landschaft in ihrer Weiträumigkeit nicht lieblich und idyllisch, sondern von einer Schwermut, die anfangs bedrückt. Diese herbe und strenge Waldlandschaft erschließt sich nicht leicht, sie ist abweisend, unzugänglich und nirgends gefällig. Endlose blaue Höhenzüge umlagern den weiten Horizont, nirgends kann der Blick sich ins Enge, Begrenzte retten. Man muß sich innerlich selbst sehr weiten, um sich vor dieser strengen Gebirgslandschaft zu behaupten. Wer aber einmal den Rhythmus dieser Wald- und Berglinien in sich aufgenommen hat, dem wird die verhaltene Schönheit dieser unaufdringlichen Landschaft stärker und tiefer ans Herz wachsen als irgendeine andere. Er wird ihr verfallen. Und wem sie zur Heimat wurde, den wird dieser Wald nie mehr loslassen.

Damals, als ich vor vierzig Jahren herkam, verirrte sich selten jemand in diese Wildnis. Das hat sich mit den Jahren (leider, sage ich) gründlich geändert: Neue Straßen durchqueren den Wald, Autobusse dringen schon in die entlegensten Winkel, und auf den Arber, den höchsten Berggipfel, kann man bereits mit dem Sessellift hinaufgelangen – auch der Bayerische Wald weiß, was er den Fremden schuldig ist!

Keine Furcht: auch die Autostraßen und der gesteigerte Fremdenverkehr werden so bald dieser ursprünglichen und großartigsten Waldlandschaft, die wir in Deutschland besitzen, wenig anhaben können. Dazu sind die Wälder zu gewaltig. Es bleiben, weitab von der Straße, genügend einsame, von Latschen bewachsene Felsenhänge, Urwalddickichte und verwunschene Moosmoore, die nur dem Fußgänger zugänglich sind. Und da die meisten Menschen es heute ja verlernt haben, sich mit ihren Füßen fortzubewegen, wird man nur selten einem Wanderer begegnen. Ich bin jedenfalls tagelang in den Wäldern umhergewandert und habe außer einigen Holzfällern keinen Menschen gesehen. Allerdings, man muß die markierten Wege meiden, auch auf die Gefahr hin, sich zu verirren. Was ich mehrfach erlebte. Einmal eine ganze Nacht, im Spätherbst, bei strömendem Regen. Und einmal im Schneesturm. Aber das gehört zum Wald – wenn man ihn nicht bloß als malerische Kulisse betrachten, sondern als Naturgewalt mit allen seinen Schrecken und Schauern am eigenen Leibe erleben will.

Fast der ganze Wald wird von einem 160 Kilometer langen Quarzgang – dem sogenannten "Pfahl" – durchzogen, auf dessen marmorweißen, kristallreichen Felsenzacken die alte Burg Weißenstein – heute zum größten Teil Ruine – über den dunklen Tannen emporragt, während weiter im Norden der eigentliche Gebirgsstock mit einem breiten Waldgürtel sich von Südosten nach Nordwesten hinzieht. Wer einmal auf dem Kamm dieser Höhenzüge gewandert ist, den Blick über das endlose Wäldermeer, der wird, jedenfalls in Deutschland, nicht so bald etwas finden, was an die Großartigkeit dieser Landschaft heranreicht. Auf der nördlichen, böhmischen Seite ist fast alles dunkler Nadelwald, auf der bayerischen Seite, besonders an den Südhängen, gibt es noch viel Buchenwald und gemischte Holzbestände. Eingebettet in diesen ungeheuren Wäldern liegen hier und da, gewöhnlich am Fuß eines Gipfels, einsame Waldseen, die Überbleibsel früherer Gletscher: der Arbersee, der Schwarze See, der Rachelsee und der Plöckensteinsee. Weniger bekannt, aber von ganz besonderem Reiz sind die endlosen, nur von Latschen und Krüppelkiefern bewachsenen Hochmoore auf der böhmischen Seite. Hier weht noch die Luft der Urwelt, der ersten Schöpfungstage. Nur ist es heute nicht ratsam, die Grenze zu überschreiten: der Eiserne Vorhang geht mitten durch den Wald. Drüben, auf der anderen Seite, wo früher blühende deutsche Bauernhöfe waren, herrscht heute trostlose, öde Wildnis: die Häuser sind abgetragen, das fruchtbare Land wird nicht mehr bestellt. Doch der Wald selbst kümmert sich nicht um den Eisernen Vorhang: so weit das Auge reicht, dehnt sich das blaue Wipfelmeer bis zum Dreisessel, wo Bayern, Böhmen und Österreich zusammenstoßen – endlose Wälder, aus denen hier und da die blauen Rauchsäulen der Holzfäller aufsteigen und in denen man sonst keiner Menschenseele begegnet.

Und wie der Wald, so sind auch seine Bewohner, die "Waldler": unzugänglich, in sich gekehrt, dem Fremden gegenüber von mißtrauischer Zurückhaltung. Der Waldler ist stolz und fühlt sich bei all seiner Armut frei und von niemandem abhängig. Weil ich mich als Bauer hier betätigte: meine Wiese selbst mähte und meine Kartoffeln selbst hackte, gewann ich das Vertrauen meiner Nachbarn, obgleich ich als Protestant in dieses strengkatholische Land kam. Ich habe unter meinen Nachbarn im Dorf wirkliche Freunde, auf die ich mich jederzeit verlassen kann und die mir schon oft in selbstloser Weise beigestanden haben. Als ich kurz vor der sogenannten "Machtübernahme" durch ein – Gedicht im "Simplizissimus" den Zorn der Parteibonzen erregt hatte, und mein Haus demoliert werden sollte, haben die Bauern aus dem Dorf – ohne daß ich sie darum gebeten hätte – bei mir gewacht und dies verhindert. In jener kritischen Nacht wurde es mir bewußt, daß ich hier wirklich heimisch geworden war!