RH-Hamburg Sonnabends gegen Abend, wenn der Familienvater jenen Teil seiner Freiheit hinter sich hat, der unter dem Motto steht "Samstags gehört Vati uns", wenn er auf wiederholtes Drängen seiner Frau Karlchens Rechenhefte mit den schlechten Zensuren getadelt, wenn er den Schrubber endlich mittels eines einigermaßen gerade eingeschlagenen Nagels am Stil befestigt, wenn er ein Nickerchen auf dem Sofa gemacht und (um des häuslichen Friedens willen) die dabei von der Zigarre gefallene Asche unter den Tisch gepustet hat – dann rüstet er sich, die anderen Väter beim Bier zu treffen.

Er bereitet sich sorgfältig vor auf diesen Ausgang. Die Zeiten, da Räuberzivil für männliche Versammlungen vorgeschrieben war, sind längst vorüber. Heute liegt der Stimmungsinhalt der "kameradschaftlichen Abende" auf einer Basis, die gemischt ist aus gemeinsamer Erinnerung an schlechtere Zeiten und den sichtbaren Zeichen dessen, wieweit man es seitdem gebracht hat. Je weiter der ’Abstand zwischen beidem, desto gehobener das Bewußtsein.

So bringt denn unser Familienvater eine Dreiviertelstunde im Badezimmer zu. Erst dann hat er die äußerste Tiefe der Rasur erreicht, die, fast schon ein negativer Bartwuchs, den denkbar größten Kontrast zum Stoppelkinn von damals bildet. Sein Kinn glänzt wie Cellophan, und grunzend reibt er es zum Schluß mit einem Rasierwasser ein, dem die Reklame "männlichen Duft" und "persönliche Note" voranrühmt,

Sorgfältig sucht er unter den englischen, französischen und italienischen Krawatten, die innen an der Schranktür im ehelichen Schlafgemach hängen, diejenige aus, die ganz sicher keiner außer ihm trägt, die ihm eine weitere "persönliche Note" gibt.

Er hat die französische Krawatte gewählt, die besonders "individuell" gemustert ist: einfarbig blau mit einem asymmetrisch hingetuschten roten Pfeil – soie pure. Zufrieden blickt er noch einmal in den Spiegel, steckt die Dunhill-Pipe – "Pfeifenrauchen verleiht Ihnen die männliche Note" – in die Tasche seines neuen italienischen Regenmantels, sagt Frau und Kindern bye-bye und schreitet – seines wartenden Volkswagens nicht achtend – dem Bierhause zu, das um die Ecke liegt.

Die anderen – wie er bestrebt, nicht allzu ’pünktlich zu kommen, weil daraus womöglich auf einen Mangel an verantwortungsvoller Tätigkeit zu schließen wäre – die anderen kommen auch gerade an.

Sie schreiten dem angestammten Tische zu – beileibe nicht dem Stammtisch, Einen Stammtisch haben ältere Männer, sie aber sind Ende dreißig und sehr modern. Das Gespräch beginnt, und es zeigt während des Abends mancherlei Wandlungen.