Eine Situation, die "heikel", aber nicht unlösbar ist

Von Christian Urhammer

Unsere Jugendlichen haben sich verändert. Sind sie plötzlich gefühlvoller geworden? Die Richter wissen ein Lied davon zu singen. Allein in Hamburg, so berichtet uns der zuständige Jugendamtsleiter, versuchen jährlich über 800 jungen, vom Gericht für volljährig und damit für "ehemündig" erklärt zu werden.

Die Jugend, die vor ein paar Jahren in diesem Alter war, nämlich 17 bis 20, reagierte völlig anders. Sie lehnte zwar auch die frühe Liebe nicht ab, wohl aber die frühe Bindung. Romeos und selbst Julias mußte man mit der Laterne suchen. Heute scheint die Romantik ganz plötzlich wieder Einzug in die Herzen gehalten zu haben. Mädchen und Jüngling hängen wieder aneinander wie das unsterbliche Liebespaar aus Verona. Und sie. wollen voneinander nicht lassen.

So stellen denn die jungen Männer ihre Anträge beim Vormundschaftsgericht, um die so früh Auserwählten heiraten zu – können. Doch jetzt sind es nicht immer die rivalisierenden Eltern wie im Falle der italienischen Familien Montague und Capulet, diesmal sind es zumeist die Richter, die das bittere Nein aussprechen.

Sehr oft erwarten die jungen Mädchen, manchmal kaum sechzehn Jahre alt, bereits ein Kind, Der achtzehnjährige angehende Vater liebt seine Auserkorene und will sie ehelichen. Sollte man diesem Wunsch nicht Rechnung tragen? In manchen Fällen geschieht das auch. Nicht aber in allen. Jugendpfleger und Jugendamtsleiter haben so ihre Bedenken. Auf ihre Recherchen aber kommt es an. Kein Richter entscheidet ohne ein Gutachten der zuständigen Behörden. Außerdem werden die Eltern der beiden Sprößlinge gehört.

Die Mütter der jungen Mädchen wehklagen: "Was soll aus dem Kind werden, wenn es schon als so junge Mutter sitzenbleibt?" oder: "Das Kind meiner Tochter soll doch ehelich geboren werden!" Das ist nicht immer nur ein bürgerliches oder kleinbürgerliches Vorurteil, wie der Jugendamtsleiter sich ausdrückte. Wir sind der Meinung, man sollte mehr als den unreifen Vater das verführte Mädchen schützen und damit auch das zu erwartende Kind, dem die familiäre Nestwärme nun für immer vorenthalten werden könnte. Hat der Staat hierzu ein Recht?