Barcelona, im Juni

Selbst im Sommersonnenglast von Barcelona pulst das Leben auf den Ramblas kühl unter den alten Platanen dahin. Aber hier, zwischen Plaza Cataluña und Kolumbussäule, ist es nicht nur das mondäne Leben wie auf den anderen Prachtstraßen der Welt: den Champs Elysées zu Paris, der Michigan Avenue von Chikago, der Düsseldorfer oder dem Kurfürstendamm von Berlin. Auch die im Schatten leben, suchen den Platanenschatten...

Gewiß, da trippeln schicke Senoritas hochhackig an den überfließenden Blumenständen vorbei (zehn Teerosen für 75 Pfennig, muchas gracias, señor!) – doch gleich daneben blättern ausgefranste Gestalten bekümmert in der neuesten Ausgabe der Vanguardia. Da unterhalten sich dunkel und nach der letzten Mode gekleidete Caballeros angestrengt über die Geschäfte – zu ihren Füßen indes dösen die abgerissenen limpiabotas, die gelangweilten Schuhputzer mit den ewig verschmierten Fingern vor sich hin. Und an jedem dritten Baum sitzt ein Blinder, der mit blecherner Stimme Lotterielose feilbietet.

Links und rechts dröhnt der Verkehr an der breiten, schattigen Platanengasse vorbei. Aus den Kaffeehäusern und den Schallplattengeschäften quäken die Lautsprecher spanische Gitarrenmelodien und amerikanische Schlager. Drüben im Kino spielen sie "El Puente del Rio Kwai", gegenüber läuft "Gigantes". Ein paar Häuser weiter ist Melodia interrompida angekündigt, mit Glen Ford und Eleanor Parker, nebenan wird Piroschka gezeigt. Und proximamente – demnächst – gibt es Al Este del Eden – Jenseits von Eden. Der internationale Film hat die Pyrenäenmauer überstiegen. Die internationale Presse auch: Sie liegt an den Kiosken in reicher Auswahl auf. Der Zensor macht ein Auge zu.

Das andere Auge des spanischen Zensors freilich, das schläft keineswegs. Es ist fest auf die eigene Presse gerichtet – und die ist denn auch danach. Sport ganz ausgezeichnet Real Madrid gegen Reims war letzte Woche ein nationales Ereignis). Auslandsnachrichten: so – so, Innenpolitik und Wirtschaft: na. "La prensa", sagte mir ein spanischer Bekannter, "pone lo que quieren" – die bringt nur, was "die oben" wollen. Der Zensor paßt gut auf. Die Redakteure? Die sind froh, daß sie den Zensor haben. "Da kann ich nachts wenigstens ruhig schlafen", drückte es einer aus.

Und so steht in Spaniens Presse eben viel über Su Excellencia el Jefe del Estado, Franco-Hofberichte also, aber nur wenig darüber, was die Spanier wirklich denken. Und schon gar nichts über die Gedanken der Katalanen, jenes widerborstigen Volksstammes an der Nordostküste der Iberischen Halbinsel, der mit den gleichen mißtrauischen Blicken nach Madrid schaut wie einst die Bayern aufs alte preußische Berlin.

Mit ideologischer Ablehnung hat das vielleicht gar nicht viel zu tun – obwohl der Gedanke naheliegt: Katalonien war schließlich während des erst zwanzig Jahre zurückliegenden Bürgerkrieges das Machtzentrum der linken Republikaner. "Das ist’s aber nicht mehr", meinte ein Deutscher, der seit langem in Barcelona lebt. "Vieles ist einfach als Aufbegehren gegen den kastilischen Zentralismus zu verstehen." Und er erzählte, daß eigentlich Barcelona – mit seinen offiziell 1,6 Millionen Einwohnern – als größte Stadt Spaniens gelten müßte, wenn es die Bevölkerung seiner Vororte mitzählen dürfte. Aber es darf nicht: Nur Madrid darf das, um weiterhin nicht nur die Hauptstadt, sondern auch die größte Stadt des Landes zu bleiben. Statistisch jedenfalls ...