Aber hat es das französisch-deutsche Bündnis nicht schon vor de Gaulles’ Rückkehr an die Macht gegeben? Warum tut man so, als habe es keine Männer von der Art Robert Schumans gegeben? Und wenn Mèndes-France die Deutschen vielleicht auch nicht liebt, so hat er seiner Abneigung doch nie so deutlich Ausdruck verliehen wie Debré, der heutige Ministerpräsident...

Auf diesen Einwand kann man in Frankreich die Meinung hören, daß, wer viel Macht und viel Glück hat, leicht die Früchte erntet, die andere zu einer Stunde säten, da er selber noch schmollend beiseite stand. Der Umstand mag grotesk erscheinen: de Gaulle, der sich mit Frankreich identifiziert, verlangt, daß man der "französischen Idee" Andacht – wenn nicht Begeisterung, und daß man seiner Person, einzig seiner Person, Rücksicht – wenn nicht Respekt, entgegenbringe. Das ist absonderlich, aber es ist auch – erleichternd, weil dadurch viele andere Sachen aus ihrer Tabusphäre entlassen wurden. Seither schimpft man auf manchen verwegenen Typ, der die Mitgliedschaft zur Résistance wie eine wundertätige Hornhaut trug: undurchdringlich, unverwundbar. Daß einer Widerstandskämpfer gewesen – sogar ein echter – und trotzdem ein Lump sein kann, das darf man heute offen sagen. Daß es unter den deutschen Besatzungstruppen nicht nur bösartige, vertierte Gestapo-Hunde, sondern auch brave, hilfsbereite, biedere Männer gegeben hat, die gekannt zu haben man sich nicht zu schämen brauchte – man darf es heute offen sagen. De Gaulle hat die Verkrampfung gelöst.

Wieviel Wahrheit an solcher Meinung ist, kann man als Deutscher auf Schritt und Tritt erproben: Der Inhaber des kleinen Hotels erzählt, er habe als Kriegsgefangener in Pommern kein schlechtes Leben gehabt. Er arbeitete auf einem Bauernhof, ehe die Russen kamen und ihn ein volles Jahr festhielten, in – Sibirien. Der Angler vom Seine-Ufer erzählt, daß er sich zwar ungern an die Berliner Fabrik erinnere, in der er "freiwillig" arbeiten mußte, aber sehr gern an die deutschen Kollegen, die mit ihm in der gleichen Halle werkten. Der Gärtner in den städtischen Anlagen gedenkt wehmütig eines Gehilfen, der noch drei Jahre nach Kriegsende als deutscher Gefangener bei ihm arbeitete – ‚ein guter Junge; wir hätten ihn so lange nicht festhalten dürfen‘.

Und was bei alledem vielleicht das Wichtigste ist: Die Kontakte sind nicht so absichtsvoll organisiert, wie dies nach dem ersten Weltkrieg wohl der Fall war, nicht so tendenziös, und niemand wirft sich in die Brust, der zwischen Franzosen und Deutschen vermitteln will, am allerwenigsten der Gaulle.

Aber am einfachsten hat’s doch der Angler an der Seine gesagt: "Wir sitzen in ein und demselben Boot"... (Wird fortgesetzt)