A. W.A., Berlin

Ungläubig schüttelten die Berliner die Köpfe, als vor kurzem bekannt wurde, daß für eine Reihe von Spitzenfunktionären der sowjetzonalen Staatspartei vor den Toren der Hauptstadt ein neues Ghetto im Bau ist. Aber mittlerweile liegen so viele Einzelheiten vor, daß nicht mehr daran zu zweifeln ist: Die erste Garnitur der Zonenmachthaber wird bereits im August ihre zaunumwehrten Villen im Pankower Sperrgebiet am Schloß Niederschönhausen räumen, die 1945 für sie enteignet worden waren.

Ein ganz neues Wohngebiet, vier Quadratkilometer groß inmitten eines Waldes, wird gegenwärtig zwischen den Bahnhöfen Wandlitz und Bernau, zwanzig Kilometer nördlich von Berlin, aus dem Boden gestampft – eine Luxus-Siedlung mit zwanzig Villen, Großgaragen und einem eigenen Kraftwerk, mit Zwingern für Wachhunde und einer Kaserne für 160 Wachsoldaten sowie neun Mehrfamilienhäusern, in deren 68 Wohnungen die Bediensteten der prominenten Proletarier untergebracht sind.

Solche Differenzierung hat natürlich nichts mit Standes- oder gar mit Klassenunterschieden zu tun; alle Genossen sind gleich, aber manche – wir wissen das von George Orwell – sind eben gleicher als andere. Die Gleichsten von ihnen werden in den Komfortvillen wohnen, deren jede zwölf Zimmer hat, einschließlich Bibliothek mit eingebautem Panzerschrank, mit zwei Arbeitszimmern, Schlaf- und Ankleideräumen, mit Bädern, Gymnastikraum und Mädchenzimmer.

Für die "Kollektiv-Bedürfnisse" entsteht ein pompöses Kulturhaus mit Festsaal, Restaurant, Schwimmhalle und Frisiersalons, mit Massageräumen und Spielzimmern aller Art; Tennisplätze und Liegewiesen vervollständigen das Paradies. Natürlich wird auch mit Mauern und Zäunen rings um die Paläste nicht gegeizt. Die haben sich schon in Pankow so gut bewährt...

Gespart werden darf schon deshalb nicht, weil die neueste sozialistische Stadt eigentlich am 31. Mai schlüsselfertig sein sollte. Aber es dauert eben so seine Zeit, bis beispielsweise die nötigen Baustoffe – Natursteine und Edelhölzer aus dem westlichen Ausland – her angeschafft worden sind.

Auch die Sowjets schicken sich übrigens an, ihr Hauptquartier aus Karlshorst (im Ostsektor Berlins) zu verlegen. In unmittelbarer Nähe des neuen SED-Vorortes befindet sich ein großes Fahrzeuglager der Roten Armee, das als Vorkommando für das neue sowjetische Hauptquartier gilt.