h–e, Lübeck

Wir haben die Sperren weggeräumt, weil rostiger Stacheldraht doch nicht in die schöne Landschaft paßt So begründete ein Offizier der sowjetzonalen Grenzpolizei den plötzlichen Abbau der Sperren an den einstigen Übergangsstellen Schlutup, Eichholz-Herrnburg und Rothenhusen bei Lübeck.

Es hat allerdings mehr als zehn Jahre gedauert, bis die Bewacher des "Todesstreifens" diesen auffälligen Sinn für Ästhetik entwickelten. Vor wenigen Monaten noch hatten sie die Drahtverhaue verstärkt, weil dort immer wieder Flüchtlinge in den Westen hinüberwechselten. In der Nacht vom 1. zum 2. Juni nun verschwanden plötzlich diese Grenzmarkierungen im Lübecker Raum. Fast unbemerkt von westdeutschen Grenzstreifen machten sich in der Nacht Arbeitskommandos daran, die spanischen Reiter und Stacheldrahtgeflechte abzumontieren.

Auf der Mecklenburger Landstraße bei Schlutup schütteten sie einen Sperrgraben zu, und bei Herrnburg ging ihr Schönheitssinn so weit, daß sie sogar das Gras aus der rissig gewordenen Straßendecke jäteten. Freilich: nicht überall verschwanden die Sperren, aber die Touristen müssen doch auf einige Attraktionen verzichten. Sie sehen jetzt nur noch den stets frisch geeggten Zehnmeterstreifen. Die nicht abgebauten Stolperdrahthindernisse sind gut getarnt.

Die nächtliche Aktion löste einige Überraschung aus, zumal die Räummaßnahmen auf den kurzen Abschnitt von der Ostsee bis an die Wakenitz beschränkt blieben. "Drüben" hüllte man sich in Schweigen. Bei der Volkspolizeidienststelle in Grevesmühlen fand sich niemand, der auch nur ein Wort der Erklärung abgeben wollte. Allen Anrufern wurde lakonisch mitgeteilt, daß niemand zu erreichen sei. Vielleicht könne die Grenzpolizei in Schönberg Auskunft geben. "Können Sie mir die Telephonnummer geben?" – "Nein, dazu bin ich nicht ermächtigt."

Zwei Lübecker Jungen, die sich die absonderlichen Vorgänge aus der Nähe ansehen wollten, fuhren mit ihren Rädern in Richtung Herrnburg. An der Grenze hatten sie Glück, denn ein Kommando der Grenzpolizei war eben dabei, die in der Nacht fortgeräumten spanischen Reiter abzutransportieren. Die Jungen liefen über die Grenze und halfen beim Aufladen. Zum Dank wurden sie nach getaner Arbeit zur nächsten Wache mitgenommen, wo sie ein Offizier über die Stimmung in Lübeck auszufragen versuchte. Die Lübecker fragten statt dessen, warum die Sperren nur hier und zudem so geheimnisvoll abgebaut würden? Die Antwort war das Zitat über die Schönheit der Landschaft. Doch damit hatte es sein Bewenden: die beiden Jungen durften wieder über die Grenze zurück, wo sie von ihren Freunden als Helden des Tages gefeiert wurden.

In Lübeck und Kiel freilich rätselt man weiter über das seltsame Verhalten der Zonen-Grenzpolizei. Erste Hoffnungen auf eine Wiederöffnung der seit Jahren gesperrten Übergänge sind inzwischen längst wieder zu den Akten gelegt worden. Bei der Verschwiegenheit der Zonenbehörden bietet sich daher nur eine Erklärung an: zu der Kieler Woche Ende Juni wird das Diplomatische Corps. in der schleswig-holsteinischen Hauptstadt erwartet. Auf dem Programm steht auch ein Besuch der ausländischen Vertreter in Lübeck und im Grenzgebiet. Die Diplomaten werden auch zu einem Essen in das alte Fährhaus von Rothenhusen gebeten werden.