Wenig beglückt fühlen sich von der zunehmenden Verwendung zeitnaher Themen sogar die Verfechter der Meinung, Theater müsse "aktuell" sein. Gewiß, die Atombombe, der Rassenhaß, der Nationalsozialismus, das Wirtschaftswunder können aus dem Theater ein Diskussionsforum machen, von dem wichtige geistig-politische Impulse ausgehen, wie von dem undramatischen Drama mit Rekorderfolg: dem "Tagebuch der Anne Frank". Aber – Zeitstücke verwelken mit ihren Tagesthemen.

Als ein zweiter möglicher Weg lockte die Abstraktion: die zertrümmerte Wirklichkeit auf der Bühne als Denkspiel für Zuschauer – ein schmaler Bühnenpfad, der von Ionesco und Beckett zu den flinken Manieristen führt.

In einem persönlichen Gespräch gab mir Richard Hey einmal zu, sein realistischer Erstling "Thymian und Drachentod" habe ihm zwar einen Achtungserfolg, doch nicht den Durchbruch gebracht. Also habe er’s mit seinem "Fisch an der goldenen Angel" einmal "anders herum versucht": dieselbe Ost-West-Problematik aufgezäumt nach einer Methode, die unter den Schlagwörtern "offene" oder "nicht-aristotelische Dramaturgie", "Verfremdung" und jüngstens "Tachismus" angeboten wird.

Wie sagte doch Gustav Freytags seliger Schmock? – "Kann ich schreiben rechts, kann ich schreiben links..."

Das schlimmste Beispiel theoretischer Selbsttäuschung eines Autors steht als Uraufführung augenblicklich im Spielplan des Göttinger Deutschen Theaters: "Zwei Worte töten" von Erwin Sylvanus. Der jetzt 42jährige Westfale, der zunächst Brauchtumsspiele für Stadtjubiläen geschrieben hat, errang einen ersten Bühnenerfolg mit "Korczak und die Kinder". Die ergreifende Passion eines jüdischen Lehrers, der die ihm anvertrauten Kinder in den über sie verhängten Gastod führt, ist bisher auf rund dreißig Bühnen dargestellt worden. Dieses Zeitstück diente – der Bewältigung jüngster deutscher Vergangenheit noch mit anerkennenswerter Schlichtheit.

Nach den dort angeschlagenen Themen, KZ und Judentum, griff Sylvanus jetzt in "Zwei Worte töten" Motive auf, die sich aus der alliierten Besetzung Deutschlands ergaben. Der kanadische Negersoldat, der in Soest unter allerlei hingabewilligen "Frolleins" Ruth Benzin und in ihr ein liebendes Herz gefunden hat, ersticht einen der pöbelnden "Halbstarken", weil nationalistische Randalierer die Braut des Kanadiers als Niggerhure beschimpft hatten.

Die Odyssee des Negers vom afrikanischen Busch bis Soest und der Weg des deutschen Flüchtlingsmädchens in die Prostitution werden in zur rückblendenden Szenen stückweise gezeigt und zwischendurch kommentiert. Dazu sind als dramaturgische Hebelfiguren ein ziemlich penetranter Journalist, der Material für seinen Prozeßbericht über den Neger sammelt, und "der Unbekannte" aufgeboten: ein Erklärer, der spricht, als ob er ein höheres Wesen wäre.