• Die CDU hat eine solenne Krise. Und das kam so: Der Kanzler hat unerwartet seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten zurückgezogen, ohne vorherige Verständigung der Fraktion und hinter dem Rücken von Vizekanzler Erhard, der zur gleichen Zeit in USA als potentieller neuer Kanzler gefeiert wurde. Einige Tage war die Fraktion zornig, Erhard wütend, die Öffentlichkeit aufgebracht. Aber die Wogen der Erregung scheinen sich verhältnismäßig rasch wieder zu glätten.

Vielleicht hat der Kanzler mit seiner Menschenverachtung leider gar so unrecht nicht.

  • In der fünften Beratungswoche der Genfer Außenminister wurde in mehreren Geheimsitzungen nur noch über die Berlin-Frage beraten. Dies die Fronten: Der Westen besteht auf einer Garantie seiner aus der Kapitulation herrührenden Rechte in Berlin. Die Sowjetunion verlangt nach wie vor die Beendigung des "Besatzungsregimes".

Es scheint, als gingen die Außenminister langsam ans Kofferpacken. Noch ist freilich nicht einmal die Formel für einen "Minimalkompromiß" gefunden, der den Weg zum Gipfel ebnen könnte.

  • Eine Partei- und Regierungsdelegation unter Führung Ulbrichts und Grotewohls ist in Moskau von Ministerpräsident Chruschtschow mit großer Herzlichkeit empfangen worden. Das Kommuniqué der Besprechungen im Kreml, bei denen das Berlinproblem und die Deutschlandfrage erörtert wurden, verzeichnet "völlige Einmütigkeit der Ansichten auf beiden Seiten".

In Genf haben die Vertreter der Zone ihre Rolle auf dem internationalen Parkett sehr genossen. Die glänzende Aufnahme der Ostberliner Moskaufahrer wird die Ulbricht-Leute gewiß noch selbstbewußter machen.

  • Nach fünfstündigen Bemühungen ist es dem SPD-Parteipräsidium gelungen, den Streit zwischen dem Abgeordneten Mommer und neun Parteijournalisten beizulegen. Mommer hatte das tölpische Verhalten der Redakteure auf einer Pressekonferenz mit Chruschtschow scharf kritisiert – und diese hatten darauf ein Parteiverfahren gegen den Abgeordneten beantragt.

In einer offiziellen Erklärung über den Verlauf der Aussprache wurde den Journalisten ihre "persönliche und politische Integrität" bescheinigt, dem Abgeordneten Mommer, daß er sich bei seiner Kritik von politischen Sorgen habe leiten lassen. Der Streit ist beigelegt, aber die Sorgen sind geblieben.