Ein ordentliches Schwimmbad ist drei Meter tief, ein ernst zu nehmender Fluß fünf, ein See bringt es leicht auf zweihundert, Ozeane tun es nicht unter ein paar Tausendern. Jedes Wasser hat seine anständige Tiefendimension – nur die Literatur neigt, bei uns wenigstens,-zum Unergründlichen. Seitdem Kafka, Proust, Virginia Woolf, James Joyce bestimmte Rekorde aufstellten, herrscht bei den Maßgebenden die Vorstellung, diese Pegelmarken müßten durch neue Tiefseeforscher überboten werden. Die Piccards des Dramas heißen im Augenblick Beckett und Ionesco. Während man bei Beckett auf Godot wartet, warten unsere Kritiker schon auf den nächsttieferen Godotsucher.

Wie sieht es aber in der Welt rings um uns aus? Was für Romane erobern nicht nur das Publikum (diese quantité négligeable, die dem Bestseller frönt), sondern auch die kritischste Kritik? Da war zunächst der Lawinen-Erfolg des "Doktor Schiwago": Hat Pasternak Proust gelesen, sich in Kafkas Labyrinthe gewagt, bei Musil Studien getrieben? Keineswegs. Er fährt in den Geleisen des guten alten Romans, der erzählt, Abenteuer reiht, Weltgeschichte und Einzelschicksal verknüpft, Gesellschaft schildert und Sittenbilder liefert. Gewiß, es wird auch reflektiert, diskutiert, philosophiert, so wie es Cervantes und Sterne gehalten haben, von Dostojewskij ganz zu schweigen. Aber es ist eine bescheidene Romanhelden-Philosophie, nichts Überintellektuelles, keine Expedition, kein Experiment. Tolstoi wäre zufrieden damit gewesen.

In Italien singt die Kritik einstimmig das Lob des "Gattopardo", des Familienromans, den der alte Fürst von Lampedusa als Erstling und Schwanengesang zugleich schrieb. In einem angesehenen deutschen Blatt, das gerne die Avantgarde bemuttert, wurde der Autor treffend mit Fontane verglichen. Fontane in der Mitte des 20. Jahrhunderts? Was hat Giuseppe Tomasi, Fürst von Palma und Herzog von Lampedusa, getan? Nichts anderes, als aus dem Archiv seines aristokratischen Gedächtnisses Bilder hervorzukramen, Fakten, Anekdoten, Aperçus, und sie in anmutiger Erzählung aufzureihen. Und während wir uns beeilen, diesen Roman aus dem sizilianischen Biedermeier ins Deutsche zu übertragen, kommt aus Frankreich, dem Lande der derniers cris auch auf dem literarischen Markt, schon die Kunde von einem neuen, gewaltigen literarischen, von einem historischen Roman, der haarklein und in schönster Ordnung erzählt, was sich einst zugetragen. Das dickleibige Werk heißt "Die Karwoche", aber der Titel hat keinen metaphysischeren Sinn, als daß das Geschehen sich in den sieben Tagen der Karwoche des Jahres 1815 abspielt, in denen Napoleon, von Elba kommend, in Frankreich landete und Ludwig XVIII. nach Belgien floh "La Semaine Sainte"; Verlag: Nouvelle Revue Française; Preis: 2000 frs.). Der Autor aber, der diese meisterhafte Fleißarbeit schrieb" ist ein Avantgardesoldat comme il faut, ein Tausendsassa der Literatenwelt, Dadaist, Kubist, Surrealist, Stern der Linken: Louis Aragon. Und die Kritik kreidet ihm die Wendung zum altmodischen Erzählerhandwerk keineswegs an, sondern bemüht Tolstoi "Krieg und Frieden" und Stendhals "Chartreuse de Parme" als analoge Fälle.

Ändert sich wieder einmal die Welt? Ist ein neuer Realismus im Anzug? Heißt es nicht schon, daß auch in der Malerei wieder Gegenständlichkeit einrisse? Was wird aus all den Feuilletons, welche die neue Daseinserfahrung unseres Zeitalters, die Fragwürdigkeit als Kategorie, die Vielschichtigkeit und Multiplizität als alleingültige Technik anmeldeten?

Oder ändert sich die Welt nicht und versteht sie unter einem Roman noch genau das, was unsere Großväter darunter verstanden: Geschehen, Geschichte, Handlung, Schicksal, Verstrickung, Liebe, Feindschaft, Konflikt und Katastrophe?

Will man der Gewaltsamkeit dieser Alternative entfliehen, tut man gut, einen kurzen Blick aufs Geschichtliche zu werfen. Dann ergibt sich: der Experimentierroman, der technisch, psychologisch, philosophisch in Neuland vorstößt, ist eine so gute alte. Einrichtung wie der Erzählroman, der den Lesern etwas vorfabuliert wie einst Scheherezade ihrem Sultan. Schlegels "Lucinde" war einmal so an- und aufregend wie "Der Mann ohne Eigenschaften", und wenn man Urahnen will, kann man bis zu Montaigne zurück. Aber der Experimentierroman überholt den Erzählroman nicht, er ist nicht tiefer, sondern nur gescheiter – und weiter, weiter im Sinne des Geschichtsprozesses, der Bewußtseinsentfaltung. Er teilt mit den Erfindungen die Kühnheit, die Grenzpfähle verrückt, aber er teilt auch ihr Los: von dem nächsten Vorstoß überschattet zu werden. Die "Lucinde" ist zwar nicht vergessen, sie bleibt ein Meilenstein der Geistesgeschichte – bloß: man liest sie nicht mehr.

Homers "Odyssee" und Victor Hugos "Notre Dame", Dickens’ "Oliver Twist" und Gogols "Tote Seelen" stehen unter einem bestimmten Gesichtspunkt auf der gleichen Ebene. Es ist der, den ein geistreicher Schriftsteller meinte, als er formulierte: "Die Leute lassen sich nichts sagen, aber sie lassen sich alles erzählen." Werner