Von Paul Hühnerfeld

Als der deutsche Schriftsteller Wolfgang Koeppen auf seiner Amerikafahrt bei Regen und tropischem Gewitter in Washington anlangte, geriet er im Hotel in eine Ungelegenheit, über die moderne Reisende sich meistens ausschweigen: "Im grellen Schein eines Blitzes las ich, daß nein Zimmer dreißig Dollar am Tag kosten sollte. Ich erschrak sehr, ich schämte mich, kämpfte mit mir, raffte mich schließlich auf, telephonierte mit der Hotelleitung und sprach von einem Mißverständnis, ich sei kein Minister und kein Bankdirektor."

Man verzeihe, daß ich mit diesem, doch beinahe banalen Zitat die Besprechung eines so bedeutenden Buches beginne, nämlich;

Wolfgang Koeppen: "Amerikafahrt"; Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 285 S., 15,80 DM

aber ich glaube, diese Stelle enthält einen Charakterzug des Menschen Wolfgang Koeppen, der wesentlich geworden ist für den sublimen Reiz seiner Reisebücher; ich meine jene Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbehauptung, die aus einem so standfesten Herzen kommt, wie es zur Zeit nur wenige Schriftsteller bei uns besitzen. Hier spricht ein Mann, den die Wirren unserer Zeit überhaupt nicht angegriffen haben, wiewohl er sie versteht. Hier ist ein Schriftsteller ganz gelöst, ganz frei, weil er auch als Mensch frei geworden ist.

Ich erinnere mich noch genau an ein Gespräch, das ich vor Jahren mit Henry Goverts, Koeppens Verleger, über den Autor hatte; damals war sein Roman "Der Tod in Rom" gerade erschienen, sein "Treibhaus" noch in aller Munde. Dennoch fehlte den Romanen ein Letztes; glänzende Einzelpassagen konnten nicht über eine gewisse schriftstellerische Befangenheit hinwegtäuschen, ein, gewiß legitimes, Kleben an deutschen Problemen, die ja – mag es zur Zeit auch anders erscheinen – nun einmal nicht mehr die allein, weltbewegenden sind. Der Verleger sah das deutlich, und in diesem Gespräch tauchte der Gedanke auf, Koeppen reisen zu lassen. Nun, er ist dann gereist: nach Spanien, Holland, England, Rußland und jetzt nach Amerika. Daß aber nun dieser Durchbruch folgen würde, hat damals wohl noch niemand geahnt. Worin liegt das schriftstellerische Geheimnis solcher, in der gegenwärtigen deutschen Literatur überraschend auftauchenden Qualität? Konventioneller als Koeppens Amerika-Buch kann doch wohl kaum ein Amerika-Buch beginnen: mit der Einschiffung in Le Havre, der Ankunft in New York, das bei der Einfahrt "wie ein größenwahnsinniges Dorf" wirkt?

Koeppens Geheimnis ist – neben präziser Beobachtungsgabe, Unvoreingenommenheit und Liebe zur Sache, den selbstverständlichen Requisiten eines guten Schriftstellers – eine unwahrscheinliche Naivität in einem ganz bestimmten Punkt: er glaubt an die Kraft des Wortes. Er ist der Ansicht, daß unsere Welt so gebaut ist, daß sie mit Worten exakt beschrieben werden kann und daß diese Beschreibung um so exakter ausfällt, je dichterischer das Wort ist.