A. M., Paris, im Juni

Die Algeriendebatte der letzten Woche war die Feuertaufe der Kammer der Fünften Republik. Man kann nicht sagen, daß sie sich dabei besondere Lorbeeren geholt hätte. Immerhin wäre es ungerecht, den Abgeordneten allein die Schuld daran zuzuschieben. Sowohl die Person de Gaulles wie die neue Verfassung machen es dem Parlament schwer, eine andere Rolle als die des fünften Rades an der Staatskarosse zu spielen.

Der grimmige Putschist Lagaillarde aus Algier, der sich in seiner Rolle als Parlamentarier offensichtlich nicht ganz wohl fühlt, schaffte sich als enfant terrible des Höhen Hauses Luft und erinnerte seine Kollegen maliziös an de Gaulles Ausspruch: "Ich bin der einzige, der das Algerienproblem lösen kann." Daraus resultiere die "faktische Inkompetenz der Kammer" und die "moralische Nichtverantwortung der Regierung" (Debré); schließlich sei das Sekretariat für die algerischen Angelegenheiten nicht bloß zufälligerweise direkt dem Staatspräsidenten unterstellt.

Sowohl der Premierminister Debré wie die Abgeordneten wehrten sich jedoch entrüstet gegen diesen Versuch, ihren Dialog als unnütz abzutun. Was aber kam bei der mit viel Pathos und Leidenschaftlichkeit durchgeführten Debatte in Wirklichkeit heraus? Ein Mißton war schon, daß die neue Kammer nicht sonderlich gewillt scheint, sich den traditionellen parlamentarischen Spielregeln zu unterwerfen. Es wirkt peinlich, wenn ein Oppositionsführer wie der Sozialist Guy Mollet ein Mikrophon suchen muß, um überhaupt einige Worte anbringen zu können.

Diese erste "große Debatte" der Kammer ließ schmerzlich fühlbar werden, wie sehr es ihr an einer wirklich überzeugenden Verkörperung der Opposition gebricht, an einem Manne vom schlage eines Mendès-France oder auch nur eines Mitterand (der jetzt wenigstens im Senat sitzt).

Der Niveauverlust wurde besonders darin deutlich, daß die Neigung zur Jagd nach Sündenböcken wahre Triumphe feierte. Man bekam zum hundertsten Male zu hören, daß in Algerien alles in bester Ordnung wäre, wenn es nicht die kommunistischen Drahtzieher in Moskau gäbe und die "Presse des Verrates" in Paris (gemeint sind Blätter wie der Express oder Temoignage Chrétien, für manche so gar der Monde). Als eine algerische Abgeordnete, deren blondes Haar Aufsehen erregte, daran zu erinnern wagte, daß auch Frankreich selbst Fehler begangen hat, wurde dies allgemein als unglücklich empfunden. In Anspielung auf de Gaulles Wort vom überholten "Algerien von Papa" hatte sie an den "langen Zug von Korruption, von Lügen und rassischen Vorurteilen" erinnert, der jenes Algerien gekennzeichnet habe. Man konnte sie aber nicht gut niederschreien wie die anderen Abgeordneten, die unangenehme Wahrheiten vorzubringen suchten – hatte man doch kurz zuvor ihre Erklärung wild beklatscht, daß sie vor einem Jahr noch den Schleier vorm Gesicht getragen habe.

Überhaupt stand im Mittelpunkt des Interesses, was die – meist europäisch gekleideten – algerischen Mitglieder des Hauses vorbringen würden. Deren Lage ist zwischen der Skylla der weiten "Ultras" und der Charybdis des von ihren Landsleuten gebildeten Maquis wirklich nicht beneidenswert. Die einen sagten denn auch brav das Sprüchlein von der notwendigen "Integration" der Algerier in die französische Nation auf, an deren Verwirklichung oft ihre eifrigsten Verfechter nicht einmal zu glauben scheinen. Andere viederum deuteten in äußerst vorsichtigen Wendungen an, daß man Algerien vielleicht doch ein gewisses Eigenleben zugestehen sollte.

So hatte denn die Debatte einen seltsam irrealen Charakter. Ihr Gegenstand waren. Gesetzesvorlagen über die Vereinheitlichung von Budget und Finanzen zwischen Frankreich und Algerien – rein formale Maßnahmen also, die den in Wirklichkeit klaffenden Graben zwischen den beiden Ländern überdecken sollen. Niemand, auch kein Sprecher der Opposition, wagte jedoch daran zu erinnern, daß hinter all diesen Prozedurfragen und staatsrechtlichen Spekulationen eine große Alternative steht, auf die sich im Grunde das ganze Algerienproblem reduziert. Solange auch nur zwei Prozent der Algerier schießen, hängen alle schönen Reformpläne für Algerien in der Luft. Es geht also um die Frage, ob man die Vertretung jener Algerier, die schießen (also den FLN), als Verhandlungspartner anerkennen oder sich auf einen langen und notwendigerweise immer unmenschlicher werdenden Krieg einrichten will.