Zum 100. Geburtstag des Roten Kreuzes Von Walther F. Kleffel

Korea 1950: Trümmer, Flüchtlinge, Sammellager. Indochina 1954: Schutt, entwurzelte Menschen, verwundete Legionäre. Ungarn 1956: ein Volk erhebt sich wider die Sowjets; wieder gibt es zerstörte Städte, gibt es Verwundete, Flüchtlinge, Sammellager. Und überall, in Korea, in Indochina, in Ungarn – überall war das Rote Kreuz zur Stelle. Es war zur Stelle wie stets seit jenem Tage, da der Genfer Henry Dunant, erschüttert vom Elend und Leiden auf dem Schlachtfeld von Solferino, daranging, diese Organisation der Barmherzigkeit ins Leben zu rufen.

Vor genau hundert Jahren, am 24. Juni 1859, tobte südlich des Gardasees in Oberitalien jene Schlacht, die später unter dem Namen Solferino in die Geschichte eingehen sollte – mit dem traurigen Ruhm, das blutigste Gemetzel des 19. Jahrhunderts gewesen zu sein. 250 000 Österreicher unter dem Oberbefehl des jungen Kaisers Franz Josef I. standen im Kampf gegen die vereinten Heere der Franzosen, Sardinier und Piemontesen, deren 150 000 Mann von Napoleon III. und dem König Viktor Emanuel II. von Sardinien geführt wurden. Nicht einmal mehr die Verwundeten wurden geschont. Sie wurden schließlich mit Steinen, Knüppeln und Fäusten totgeschlagen.

Als die Nacht über das Schlachtfeld sank, lagen noch über 40 000 Verwundete hilflos in ihrem Blut; niemand, der ihnen Hilfe und Rettung brachte. Die Sonne des nächsten Morgens beschien ein Bild des Grauens. Machtlos waren die wenigen Ambulanzen, machtlos auch die paar Feldchirurgen. Sie mühten sich vergeblich, auch nur die größte Not zu lindern. Was da geleistet werden mußte, ging über menschliche Kräfte. In den Dörfern rings um das Schlachtfeld waren jedes Haus, jeder Stall und alle Kirchen überfüllt mit Verwundeten. Doch überall fehlte es an helfenden Händen, fehlte es sogar an Wasser, an Medikamenten und Verbandsstoff. Viele verloren vor den entsetzlichen Qualen den Verstand, viele vor Schwäche das Bewußtsein, das sie nicht wieder gewinnen sollten.

Nicht als Schlachtenbummler oder Berichterstatter, wie Goethe einst bei Valmy, sondern weil er in ganz profanen geschäftlichen Dingen den Franzosenkaiser sprechen wollte, dem er schon wochenlang nachgereist war, geriet ein Mann namens Jean Henry Dunant auf die Walstatt. Er war Schweizer und hatte als Direktor der Finanz- und Industriegesellschaft der Mühlen in Algerien ständig Schwierigkeiten mit der französischen Kolonialverwaltung; nun hoffte er auf einen Machtspruch Napoleons.

Die Audienz bei dem Franzosenkaiser fand nicht statt. Dunant, damals 31 Jahre alt, vergaß sein Vorhaben angesichts der blutgetränkten Felder. Er eilte zu den Verwundeten, betete mit ihnen, half, tröstete, labte.

Im nahen Castiglione, wo selbst auf den Straßen schon das Stroh geschüttet wurde, um immer neuen Verwundeten Ruhestatt und Sterbelager zu bieten, bildete er aus dem Augenblick heraus den ersten Samaritertrupp. Ein italienischer Priester, ein alter Marineoffizier, ein invalider Korporal, ein Schweizer Mitbürger und einige neugierige Engländer sowie ein paar französische Journalisten, die das Schlachtgeschehen in die lombardische Gegend gelockt hatte, schlossen sich ihm an. Bald half die gesamte Bevölkerung mit. Frauen nahmen sich der hilflosen Soldaten an, Kinder schleppten Wasser herbei.