Eine Frau, die ihrem zweiten Mann dauernd von ihrem Verflossenen vorschwärmt, ist taktlos, Ein Kritiker, der sich fortwährend auf die Vergangenheit beruft, ist auch nicht taktvoll – aber er bat recht. Denn gerade in der Literatur kommt es auf das an, was war.

Wir werden erst wieder eine Literatur haben, wenn wir immer daran denken, daß wir eine gehabt haben. Wir brauchen nicht von ihr zu schwärmen; auch sie war keine Zeit von lauter Riesen, aber sie hatte die größten Zwerge. Ich trauert der Vergangenheit nur aus zwei Gründen nach: Damals hatten die Oberhemden vorn eine Schlaufe, mit der man sie anknöpfen konnte – und damals verstand man sich auf die Kunst, das Schwere und Wichtige leicht zu sagen; sich wichtig zu nehmen, ohne daß es einer merkte; sich der Weltgeschichte, der Weltanschauung, dem Welträtsel auf dem Umweg über einen Witz, einen Aphorismus zu nähern. Der Nagel hatte damals noch einen Kopf, den man treffen konnte. Mit anderen Worten: damals gab es die verschüttete Kunst der Ironie, der Parodie, der Satire, der Polemik als Hochform der Aussage; mit noch anderen Worten: damals gab es Friedell, Polgar und Kraus.

Am leichtesten unter diesem Dreigestirn wog der körperlich so gewichtige Egon Friedell, der sich vor zwanzig Jahren, als seine Welt braun wurde, aus dem Fenster stürzte. Er hat das Kabarett, von dem er kam, und das Feuilleton, bei dem er blieb, nie ganz abgestreift, auch in seiner großen Kulturgeschichte nicht. Er hat, wie alle Spötter, manchmal die halbe Wahrheit einem Witz geopfert, weil die andere Hälfte der so entdeckten Erkenntnis immer noch doppelt zählte. Er schien, was man ein gemütliches Haus nennt, mit seinem ewigen Schlafrock und der langen Studiosuspfeife – ein gutbürgerlicher Faust, der den Mephistopheles spielt. Er blieb die Gelassenheit selbst, wenn er sich mit der Weltgeschichte oder den Zeitgenossen herumschlug; er brauchte – und das gilt für seine ganze Zeit – für Kulturkritik nicht zehnpfündige Worte zu bemühen, mit denen sich der Kritiker heute so erschöpft, daß ihn die Füße nicht mehr bis zur Kultur tragen.

Er hat kein sonderlich umfangreiches Werk hinterlassen, und auch der jetzt vorliegende Briefband ist schmächtig:

Egon Friedell "Briefe"; ausgewählt und herausgegeben von Walter Schneider; Georg Prachner Verlag, Wien; 144 S., 9,80 DM

– und nicht alles darin ist von ihm; der Band enthält auch Briefe von Shaw, Hamsun und anderen an Friedell. Thomas Manns Brief oder Essay über Peter Altenberg steht in der Werkausgabe, und die meisten Briefe Friedells sind aus Vorabdrucken bekannt. Aber es ist erfreulich, dies wenige beisammen zu haben, mit seinem konzentrierten Witz, der nur selten ins Dalbern abgleitet, und seiner hohen Bildung, die niemals auffällt. Übrigens stammt einer der witzigsten Briefe dieser kleinen Sammlung von Bernard Shaw, der anläßlich der ihm gewidmeten englischen Ausgabe der "Kulturgeschichte" Friedells schrieb:

... Ich habe den Namen des Herrn Friedell in der letzten Zeit öfters gelesen, und zwar in Zusammenhang mit dem meinen. Erstens weil er im "Kaiser von Amerika" spielt, und zweitens, weil man ihn häufig den deutschen Shaw nennt. Ich weiß nicht, ob das als Lob oder als Beschimpfung gemeint ist, und werde jedenfalls die "Kulturgeschichte" studieren, um festzustellen, ob ich der englische Friedell bin. Ich bin jedoch schon jetzt genügend kulturhistorisch gebildet, um zu wissen, daß man in früheren Zeiten Widmungen mit hohen Jahresgehältern beantwortet hat. Das ist mir aber zu kostspielig, und ich werde mich in der Form revanchieren, daß ich demnächst in seiner "Judastragödie" auftrete.

Das könnte von Friedell sein, so wie seine "Judastragödie" von Shaw sein könnte. Und diese Berührung, diese Verwandtschaft der Geister, die reiche Vielfalt zeitigte – diese Gegensätze, die so viel Familienähnlichkeit aufwiesen, stimmen zur Sehnsucht nach einer verflossenen Zeit, wo die Oberhemden noch Schlaufen hatten und wir eine Literatur. A. S.