Der Zufall steht am Spieltisch – auch am Spielfeld der Wirtschaft. Ist es der Zufall oder entwickelt sich alles nach einem Gesetz? Wenn "Gesetze" gelten, dann müßte sich die Zukunft berechnen lassen, dann müßte der Spieler wissen, daß er nach dem soundsovielten Einsatz auf "rouge" einmal gewinnen wird, dann müßte der Unternehmer errechnen können, daß 1970 nicht jeder vierte, sondern jeder zweite Haushalt seinen Kühlschrank besitzt und seine Firma ihre Produktionsanlagen noch wesentlich vergrößern kann.

Natürlich ist der Unternehmer kein bloßer Spieler. Er versucht vielmehr die "Kugel" nach allen Regeln der Kunst zu beeinflussen. Er betreibt motivation research und "verführt geheim" oder mit aller Deutlichkeit. Doch rollt die Kugel nicht immer so wie gewünscht. Vielleicht aber läßt sich unternehmerische Intuition heute manchmal und bis zu einem gewissen Grade durch Berechnungen der markt- und volkswirtschaftlichen Experten ersetzen.

Die Beobachtung des Wirtschaftsablaufs kann wesentlich dadurch beschleunigt werden, daß man an Stelle von Totalerhebungen Repräsentativbefragungen durchführt und auf die Angabe von konkreten Zahlen verzichtet, deren Feststellung namentlich in größeren Betrieben oft zeitraubend ist. Begnügt man sich mit der Angabe von Tendenzen des Wirtschaftsablaufs, so hat man die Möglichkeit, gleichzeitig auch die meist nicht durch Zahlen faßbaren Dispositionsabsichten der Unternehmer festzustellen. Darüber hinaus kann man auch die Einschätzung der Geschäftslage durch die Unternehmer testen; denn die Meinung des Unternehmers, die sich später in geschäftlichen Dispositionen niederschlägt, ist eine maßgebende Komponente im Parallelogramm der konjunkturellen Kräfte. Eine Verknüpfung der neuesten Tendenzen der Wirtschaftsentwicklung für verschiedene volkswirtschaftliche Sachbereiche (wie z.B. Nachfrage, Preise, Produktion, Umsatz, Lager) mit den Meinungen und Zukunftsplänen der Unternehmer eröffnet der Marktbeobachtung ganz neue Aspekte.

Von diesen Überlegungen ausgehend wurde durch das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München vor zehn Jahren eine neue Methode der Wirtschaftsbeobachtung, das sogenannte "Konjunkturtestverfahren" entwickelt, das inzwischen auch, von zehn anderen Staaten übernommen worden ist.

Im Gegensatz zu den sonst üblichen statistischen Erhebungen wird beim Konjunkturtest der Unternehmer selbst befragt. Er in erster Linie weiß, was sich im abgelaufenen Monat in seinem Betrieb an wichtigen Veränderungen abspielte, wie sich beispielsweise die Nachfrage entwickelt hat, ob die Produktion gestiegen ist und die Verkaufspreise verändert wurden. Der Unternehmer kann auch als einziger verbindliche Auskunft darüber geben, wie diese Veränderungen von seinem Standpunkt aus zu bewerten sind und welche Pläne er für die Zukunft hat.

Heute befragt das Institut rund 9000 Unternehmer aus der Industrie, dem Baugewerbe sowie dem Groß- und Einzelhandel allmonatlich über die Geschäftsentwicklung sowie über die Erwartungen und Pläne für rund 350 verschiedene Wirtschaftszweige. Die Beantwortung der Testfragen ist relativ einfach, weil sie sich auf ganz bestimmte Erzeugnisse, wie z.B. Werkzeugmaschinen, Damenmäntel, Kernseife, Laubschnittholz, Armbanduhren, und nicht auf die Entwicklung des ganzen Unternehmens beziehen. Es ist im allgemeinen schwierig, aus dem oft unterschiedlichen Marktgeschehen der einzelnen Erzeugnisgruppen eines Unternehmens bereits am Monatsende ein zutreffendes Urteil über die Gesamtentwicklung mitzuteilen.

In der Regel sind auf die verschiedenen Fragen nur drei Antworten möglich: steigen, gleichbleiben, fallen; oder gut, befriedigend, schlecht. Die Antworten der Unternehmer werden entsprechend der Marktbedeutung des jeweiligen Betriebes gewogen. Aus der Summe der Meldungen für ein bestimmtes Erzeugnis werden Entwicklungstendenzen berechnet und in farbigen graphischen Darstellungen, den "Konjunkturspiegeln", die zehn Tage nach Ablauf des Berichtsmonats erscheinen, veröffentlicht.