Dem Streit zwischen Bundeskanzler Adenauer und Bundeswirtschaftsminister Erhard liegt auch (und nicht zuletzt) eine Meinungsverschiedenheit in einer rein sachlichen Frage zugrunde. Der Disput der beiden dreht sich darum, wer wirklich "ein guter Europäer" sei. Professor Erhard kämpft auf diesem Feld seit langem mit offenem Visier; dasselbe läßt sich von Dr. Adenauer nicht sagen.

Erhard verficht in der europäischen Integrationsfrage die offizielle Politik der Bundesregierung. Sie besteht in der erklärten Absicht, den Gemeinsamen Markt der "Sechs" durch eine weiter gespannte, europäische Freihandelszone zu ergänzen. Adenauer hat sich nie gegen eine Freihandelszone ausgesprochen, aber auch nicht vorbehaltlos dafür. Erhard war seit jeher vom wirtschaftlichen Segen der Freihandelszone überzeugt (zusammen mit maßgebenden Vertretern der Wirtschaft) und hat diese Überzeugung deutlich genug vertreten ("Ich kann nicht anders"), unbekümmert darum, daß sein Weg zur Kanzlerschaft dadurch sehr viel steiniger wurde.

Nun müssen zu einer Freihandelszone auch die Franzosen ihre Zustimmung geben. Von de Gaulle ist jedoch das "Ja" offensichtlich nicht zu kriegen – möglicherweise nur um den Preis, daß Frankreich dem bereits bestehenden Gemeinsamen Markt den Todesstoß versetzt. Der Todesstoß würde auch Adenauers Werk treffen. Darum verteidigt der Kanzler es, mit allen Mitteln und zum äußersten entschlossen.

Wer ist sachlich hier im Recht? Das Volk möchte einen Sieger sehen, der legitim den Skalp des Unterlegenen schwingen darf. Jeder der beiden Kämpen hat starke Argumente für sich. Wahrscheinlich ist, daß Erhard – wenn er seine wirtschaftlich begründete Oberzeugung konsequent durchsetzen würde – einen Sieg nur um den Preis eines Bruchs mit der Regierung in Paris erringen könnte. Davor graut dem Kanzler seit langem.

Die Situation schreit nach einem Kompromiß zwischen Erhard und Adenauer, der zugleich auch ein Kompromiß zwischen England und Frankreich wäre. Unser Vorschlag lautet: Freihandelszone ja, aber so weitgehend wie möglich als Zollunion, entsprechend dem Modell des Gemeinsamen Marktes. Dadurch würden die Außenzölle aller Freihandelszonenpartner weitgehend vereinheitlicht. Im Räume einer solchen Freihandelszone wäre vollständig freier Handel möglich. Zugleich müßte England einen Teil der Pflichten übernehmen, ohne die es nun einmal keinen Zutritt zu Europa verlangen kann.

De Gaulle wird von diesem Kompromiß kaum begeistert sein, auch Macmillan nicht. Doch wäre dies eine faire Lösung. Alle Beteiligten könnten ihr Gesicht wahren, da der Vorschlag wirtschaftlich durchaus vertretbar ist, auch für Professor Erhard. Mit seinem "Ja zur EWG" hat sich der Bundeswirtschaftsminister ja mit der Zollunion, wenn auch in viel kleinerem Rahmen, schon abgefunden; dieses Zugeständnis ging bereits weiter als der vorgeschlagene Kompromiß. Sollte Frankreich hierzu nein sagen, dann könnte man daraus nur schließen, daß Paris nicht guten Willens ist.

Erhards wirtschaftliche Ziele und Adenauers politisches Werk lassen sich durchaus versöhnen. Bisher aber ging es allen Beteiligten nur darum, recht zu haben. Jacques Stohler