Es verschlägt einem die Sprache, wenn man an jenen 17. Juni des Jahres 1953 denkt und sich dann die deutsche Situation heute, im Juni 1959, vergegenwärtigt. Ob auch wirklich alles getan wurde? Ob wir überhaupt auf dem rechten Wege sind? Was eigentlich heißt das: Deutschland – heute? Mich solches fragend, fielen mir die Worte eines Dichters in die Hand, die wahrlich zu denken geben. Er schrieb:

"Deutschland hätte im Moment des Zusammenbruchs die Welt beschämen und erschüttern können durch einen Akt tiefer Wahrhaftigkeit und Umkehr ... Damals, so hoffte ich, einen Augenblick – sollte in das seltsam einseitig und einwillig gewordene deutsche Gesicht der verlorengegangene Zug jener Demut, die in den Zeichnungen Dürers so konstruktiv anmutet,, wieder eingetragen, nachgetragen werden! Vielleicht waren ein paar Menschen da, die das fühlten, deren Wünsche, deren Zuversicht auf eine solche Korrektur gerichtet waren. Jetzt beginnt es sich zu zeigen und schon zu rächen, daß sie nicht geschehen ist.

Etwas ist ausgeblieben, was alles ins Maß gerückt hätte; Deutschland hat versäumt, sein reinstes, bestes, sein auf ältester Grundlage wiederhergestelltes Maß zu geben – es hat sich nicht vom Grunde aus erneuert und umbesonnen, es hat sich nicht jene. Würde geschaffen, die die innerste Demut zur Wurzel hat, es war nur auf Rettung bedacht in einem oberflächlichen, raschen, mißtrauischen und gewinnsüchtigen Sinn, es wollte leisten und hoch- und davonkommen, statt, seiner heimlichsten Natur nach, zu ertragen, zu überstehen und für sein Wunder bereit zu sein. Es wollte beharren, statt sich zu ändern. Und so fühlt man nun: ... etwas ist ausgeblieben. Ein Datum fehlt, an dem Anhalt gewesen wäre. Eine Sprosse fehlt in der Leiter, daher die unbeschreibliche Besorgnis, die Angst, das Vorgefühl eines jähen und gewaltigen Sturzes

Dies wurde nicht heute geschrieben, sondern am 2. Februar 1923 in Muzot Mir Sierre von R. M. Rilke. "Ein Datum fehlt", so schrieb er damals. Mir scheint, diesmal gab es ein solches Datum. Eben den 17. Juni 1953. Aber – und das sollten wir bedenken – es war nicht unser, der satten Deutschen Datum, sondern das der leidenden... Dff.