Der Wahrheitsgehalt der Steuerbilanz – Ein Diskussionsbeitrag zur Reform des Aktienrechts

Von Ottmar Bühler

DIE ZEIT veröffentlichte in Nr. 21 unter dem Titel "Steuerbilanz kontra Handelsbilanz" einen Diskussionsbeitrag zur Reform des Aktienrechts. Wolfgang Pohle, Vorstandsmitglied der Mannesmann Aktiengesellschaft, wandte sich in jenem Artikel gegen den "Nimbus einer idealen Rechenschaftslegung durch die Steuerbilanz", also gegen die von vielen Aktienrechtlern vertretene Meinung, daß die für das Finanzamt erstellte "Steuerbilanz" der Wahrheit wesentlich näher komme als die den Aktionären vorgelegte "Handelsbilanz". Wie zu erwarten war, hat sich "die andere Seite" gemeldet. Prof. Bühler, München, hat die folgende Erwiderung geschrieben.

Fast niemand weiß etwas von jener Lücke in den einschlägigen Bestimmungen des Aktiengesetzes, die zu den erstaunlichsten Mängeln in unserer Rechtsordnung gehört: daß die Bilanzvorschriften des Aktiengesetzes ganz einseitig nur den Gläubigerschutz verfolgen, dagegen gar nicht die Sicherung der Rechte der Aktionäre. Das ist die Erklärung dafür, daß auf geheimnisvolle Weise aus offenbarem Unrecht eben doch Recht wird – und das ist und bleibt dem großen Kreis der Aktionäre ewig unverständlich.

Aktionäre wurden vergessen

"Wie, es soll gesetzlich erlaubt sein, im Verschwindenlassen der Gewinne zum Nachteil der Aktionäre unbegrenztweit zu gehen – und verboten soll nur sein, daß umgekehrt die Lage der Gesellschaft zu günstig dargestellt wird?

Es soll gesetzlich erlaubt und in Ordnung sein, wenn der Wirtschaftsprüfer bestätigt, daß der Abschluß den gesetzlichen Vorschriften entspreche, obwohl er weiß, daß er in wohlberechneter Weise ein völlig falsches Bild für den Aktionär erzeugt?