Die Börsentendenz erschien in den letzten vierzehn Tagen dem Betrachter uneinheitlich. Die Anfang Juni erzielten Höchstkurse konnten zumeist nicht behauptet werden, und Gewinnmitnahmen bestimmten mehrere Tage hindurch das Börsengeschehen. Die Politik schien – erstmals seit mehreren Monaten – einen etwas stärkeren Einfluß auf das Börsengeschehen nehmen zu wollen. Vor allem die innerpolitischen Auseinandersetzungen beunruhigten. Aber auch die in der Genfer Außenministerkonferenz aufgetretene Mißstimmung übertrug sich zeitweilig auf die Börse. Im Verhältnis zu dem Gewicht der in der Auseinandersetzung um die höchsten Staatsämter und der in Genf behandelten Probleme blieb jedoch die Börsenreaktion verhältnismäßig gering. Nur wenige Werte wiesen Schwankungen von mehr als 5 v. H. des Kurswertes auf. Anleger, die auf stärkere Kurseinbrüche hofften, warteten wiederum vergeblich.

Die Werte, deren Gesellschaftsvermögen überwiegend in Berlin liegt, gingen zwar stärker als der Durchschnitt zurück, jedoch kann auch hier im Hinblick auf die in den Wochen zuvor eingetretenen starken Erhöhungen keineswegs von einer übermäßigen Unsicherheit gesprochen werden. Im Durchschnitt liegen Bekula und Schultheiß rund 100 Punkte unter vergleichbaren Werten; daß hierin zahlreiche Anleger eine Kurschance sehen, zeigte sich in der schnellen Erholung des Schultheiß-Kurses. Auch Bekula (Berliner Kraft und Licht) bieten dem zuversichtlichen Anleger neben einer überdurchschnittlichen Rendite von 5 v. H. und Aussichten auf eine Kapitalerhöhung Kurschancen, wenn man den Kurs der HEW-Aktien zum Vergleich heranzieht.

Die Anleger, die – auch geringe Kursrückgänge wahrnehmend – die Kursschwankungen zum Kauf ausnutzten, konnten bereits nach wenigen Tagen den Erfolg ihres Entschlusses erkennen. Die Aufwärtsbewegung setzte sich wieder durch und die Kurserholungen traten zumeist schneller ein als der vorhergegangene Rückgang. Die freundliche Grundtendenz bleibt heute also auch an rückläufigen Börsentagen wirksam, indem sie einmal die Einbußen eng begrenzt, zum anderen die Erholung sehr schnell folgen läßt. Die Widerstandskraft an Tagen, an denen Gewinnmitnahmen die Börse bestimmen, zeigte, daß die Zahl derer, die nur auf eine Gelegenheit zum "Einsteigen" am Aktienmarkt warten, gewachsen ist.

Wenn trotz der zuversichtlichen Stimmung und der hohen Kaufbereitschaft der deutschen Anleger bei den bisher favorisierten Spitzenwerten, wie den IG-Farben-Nachfolgern und Siemens Halske, nicht sofort wieder neue Höchstkurse an den Maklertafeln erschienen, so lag dies an geringen Kaufaufträgen aus den USA. An der Wallstreet herrschte vorübergehend Baissestimmung. Die Amerikaner haben hierzu auch einigen Grund, denn teureres und knappes Geld sind auch für den Aktienmarkt nicht günstig. Allerdings ist in den USA die Kapitaldecke so dicht und breit, daß auch längere Zeit hindurch eine Dürre am Geld- und Rentenmarkt nicht auf den Aktienmarkt übergreifen muß. Die Grundtendenz blieb daher auch in New York zuversichtlich.

Die deutschen Werte mit internationalem Markt blieben von der amerikanischen Tendenz verhältnismäßig unberührt, wenn man den Kursrückschlag, den die Schwankungen der Wall Street in! Amsterdam auslösen, zum Vergleich heranzieht. Unilever und Philips fielen in wenigen Tagen rund 50 bis 70 Punkte unter ihre Höchstkurse. Inzwischen haben sich die Kurse allerdings auch in Amsterdam wieder lebhaft erholt. Die Widerstandskraft der deutschen Spitzenwerte – auch ohne amerikanische Käufe – zeigt, daß das Inlandspublikum ebenfalls zu den "amerikanisierten" Kursen kauft. Sollten die Kauforders aus New York wieder zunehmen, und das wird erwartet, dann dürften die deutschen Spitzenwerte weitere Kurschancen bieten. Vorerst konzentrierte sich jedoch die amerikanische Nachfrage in Europa auf österreichische Aktien, die außergewöhnliche Kurssprünge erzielten. Schwechater Brauerei stiegen z. B. von 260 auf 400 v.H. innerhalb von vier Wochen.

Die deutschen Anleger gaben unverändert den Stahlaktien den Vorzug. Mannesmann und Rheinstahl stehen Umsatz- und kursmäßig im Vordergrund. Die bevorstehende Börseneinführung beider Werte in Paris erhöhte das ohnehin auf Grund der gebesserten Stahlkonjunktur gestiegene Interesse. Nachdem bereits Farbenfabriken Bayer-Aktien an der Pariser, Börse eingeführt sind und nun diese beiden Werte folgen werden, erscheint es schon aus Gründen der Gegenseitigkeit sehr wahrscheinlich, daß Péchiney und andere französische Aktien an deutschen Börsen zur amtlichen Notiz aufgenommen werden. Der deutsche Anleger wird, wenn er sich erstmals mit französischen Aktien befaßt, erschrecken. Péchiney notieren in Paris rund 27 000 ffrs. für das Stück von nom. 5000 ffrs., d. h. also 540 v. H. bei einer Dividende von 9 v. H. Die Rendite von 1,6 v. H. ist für den französischen Anleger jedoch nicht ausschlaggebend. Für ihn ist die Expansion der Gesellschaft, die sich in Kapitalerhöhungen mit günstigen Bezugsrechten niederschlägt, entscheidend. Péchiney konnten z. B. ihre führende Stellung am Aluminium- und Chemiemarkt ausbauen und fast jedes Jahr den Aktionären eine günstige Kapitalerhöhung gewähren.

Sollte diese "französische Betrachtungsweise" auch bei uns Verständnis, finden, so dürften neben den Aktien der Pariser Börse auch die zahlreichen deutschen Werte hiervon profitieren; denn expansive Gesellschaften finden in der Bundesrepublik heute noch eine zurückhaltendere Bewertung. Reichhold-Chemie z. B., die in wenigen Jahren ihr Kapital von einer auf fünf Millionen DM erhöhten, und nun wieder eine Million DM junger Aktien ausgeben, gewähren ohne Berücksichtigung des Bezugsrechtes im Werte von 75 v. H. eine Rendite von etwa 2,3 v.H. Auch die deutschen Spitzenwerte weisen eine Expansionsrate auf, die für die französischen Anleger Grund genug wäre, sich mit niedrigen Renditen zufriedenzugeben. AEG gewährte seit 1954 fünfmal günstige Bezugsrechte aus Kapitalerhöhungen und ein weiteres für eine Wandelanleihe. Mei.