Auch der Großaktionär der Harpener Bergbau AG, Dortmund, hätte gern eine Dividende für das Geschäftsjahr 1958 gesehen, erfuhren die Wirtschaftsjournalisten anläßlich der Bilanzbesprechung vom Vorstand des Unternehmens, das seinen dividendenlosen Abschluß bereits in der Pressekonferenz – -gewissermaßen als Vorgeschmack auf die Hauptversammlung – verteidigen mußte. In ersten Kommentaren zu dem Dividendenausfall bei Harpen, der diesem Unternehmen trotz Kohlenkrise von den Aktionären nicht ohne weiteres abgenommen werden wird, war erklärlicherweise wieder das Stichwort "Aushungern der freien Aktionäre" gefallen, das in diesem Falle ohnehin seit der Mehrheitsübernahme durch die französische Sidéchar in der Luft liegt.

Hierzu betonte die Verwaltung, sie sei ausdrücklich ermächtigt, zu erklären, daß die Sidéchar – die das Harperipaket bekanntlich in Durchführung der alliierten Entflechtungsbestimmungen von Friedrich Flick übernommen hatte – weder in der Vergangenheit noch im gegenwärtigen Zeitpunkt ein Umtauschangebot erwogen habe. Die in der Sidéchar zusammengefaßten Hüttenwerke hätten ihr seinerzeit erworbenes 75-v.-H.-Paket noch nicht um eine Aktie vergrößert. Allerdings stehe der Großaktionär auf dem Standpunkt, daß hinsichtlich der Dividende: keine Sonderrechte von einer Seite in Anspruch genommen werden sollten. Diese Antwort auf die Frage, warum Harpen nicht wenigstens den freien Aktionären eine gewisse Verzinsung biete, geht, so meinen wir, mindestens insofern an der Wirklichkeit vorbei, als die freien Aktionäre ja nicht das Werkselbstverbrauchsrecht ausüben können! Und dieses "Sonderrecht" des Großaktionärs – das zu erlangen überhaupt der Beweggrund der Sidéchar nicht nur für deren Gründung, sondern auch für ihr Einsteigen bei Harpen war – hat der französischen Gruppe in einer Reihe von Jahren jedenfalls den Vorzug billiger und ausreichender Ruhrkohlenversorgung gebracht. Die Dividende sei deswegen ausgefallen, so erklärte das kaufmännische Vorstandsmitglied Josef Fischer, weil "nichts drin gesteckt" habe. Dieser Entschluß müsse als "kühn" und in einem Jahr vielleicht sogar als "klug" angesehen werden.

Für den Jahresabschluß ohne Dividende dürfte trotz gegenteiliger Beteuerungen der Verwaltung indessen die Tatsache, daß die Zusatzverzinsung der Harpen-Bonds von 1935 an die Dividende gekoppelt ist, eine entscheidende Rolle gespielt haben. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn berücksichtigt wird, daß das Unternehmen von den Möglichkeiten der steuerlichen Ertragsverwendung weitgehend Gebrauch gemacht hat. Selbst wenn, wie der Vorstand betont, der Spielraum der zulässigen Gewinnverwendung nicht ausgeschöpft worden ist, so machen Sonderabschreibungen in Höhe von 3,7 Mill. DM und 6,9 Mill. DM Wertberichtigungen nach § 7c angesichts dieses Abschlusses ein hübsches Sümmchen aus. Wir sind nicht der Meinung, daß de Feststellung: "Nur wenige Unternehmen an der Ruhr haben einen so treuen Stamm von Aktionären wie Harpen" diese Handlungsweise rechtfertigt, zumal sich diese Gesellschaft mit den Dividendenzahlungen in den drei fetteren Jahren – 1955: 4 v. H., 1956: 5 v. H., 1957: 5 v. H. – auch nicht gerade übernommen hat! Das bei dieser Zeche seit der Umstellung – von dem vergleichsweise guten Umstellungskurs zehrt die Verwaltung offenbar heute noch – geübte (Miß-) .Verhältnis zwischen Substanzanreicherung und Gewinnausschüttung kann in der Tat wohl nur noch mit "Nibelungentreue auf Aktionärsseite" erklärt werden; vielleicht aber auch damit, daß die Harpenaktie, die an der Börse noch unter dem Bilanzkurs notiert, seit Jahren keinen Anreiz bietet, verkauft zu werden!

Mit Genugtuung registriert die Verwaltung, daß die Hüttenwerke der Sidéchar auch im vergangenen Jahr von ihrem Werkselbstverbrauchsrecht umfangreichen Gebrauch gemacht haben. Der Anteil der Sidéchar-Bezüge am Gesamt-Fremdabsatz der Harpen-Zechen stieg im Berichtsjahr auf 62 (50) v. H. Nach 2,85 Mill. t in 1957 gingen nunmehr 2,99 Mill. t nach Frankreich, wobei aber auffällt, daß die Kohlenlieferungen stark zunehmen, während die von den Sidéchar-Hütten bezogenen Koksmengen rückläufig sind. Die gleiche Entwicklung hält auch im laufenden Jahr an: insgesamt steigende Mengen nach Frankreich, dabei aber weniger Koks. Nach Ansicht der Verwaltung leistet die Sidéchar jetzt einen gewissen Ausgleich für die vergangenen Jahre, als die Ausübung, des Werkselbstverbrauchsrechtes ein einseitiger Vorteil der Franzosen war. Heute sei der Koks von Harpen um etwa 15 DM je Tonne teurer als er andere weitig für die sidéchar zu beziehen wäre.

Der Harpen – Umsatz ermäßigte sich im Berichtsjahre auf 422 (468) Mill. DM. Nach dem ausgewiesenen Rohertrag von 319,88 (321,76), der keineswegs im gleichen Verhältnis geschrumpft ist, schließt die Erfolgsrechnung "ausgeglichen". Dabei fällt auf, daß Löhne und Gehälter mit 183,16 (178,62) Mill. DM und gesetzliche soziale Aufwendungen mit 50,18 (39,81) Mill. DM trotz geringerer Belegschaft erheblich größere Summen beansprucht haben.

An seiner Investitionspolitik hält das Unternehmen weiterhin fest. Der Plan, die Förderkapazität auf 28 000 Tagestonnen zu steigern, wird nach wie vor als richtig anerkannt. Dabei steht allerdings für die Zechen, die in den marginalen Bereich zu rutschen drohen, die sogenannte "negative Rationalisierung", die Konzentration auf bessere Flöze bei nur ganz allmählichem Substanzverzicht, im Vordergrund der Bemühungen. Auch im laufenden Jahr wird Harpen unter allen Umständen versuchen, die vorjährige Investitionsrate von 30 Mill. DM zu realisieren. Für Fördersteigerungen stehen die Zechen Gneisenau (Schichtleistung 2150 kg), Grimberg 3/4 (Schichtleistung 2250 kg) und Viktoria (Schichtleistung 1850 kg) an. Der für diese Projekte benötigte Fremdmittelbedarf wurde von der Verwaltung mit 50 Mill. DM angegeben; die Emission einer Anleihe wird erwogen. Nmn.