Von Josef Müller-Marein

Hinter der Rückfront des prächtigen Rathauses von Paris hört die Pracht bald auf. Wir nähern uns dem Marais, der einmal das vornehmste Stadtgebiet war – nächst der Dom- und der Ludwigsinsel – und in der Place des Vosges das Haupt- und Staatsstück hat. Viele sagen, daß dies der schönste Platz von Paris sei und nicht die Place de la Concorde. Man tritt durch Torbogen ein wie in einen Raum, der in weitem Geviert durch mittelalterliche Häuser gebildet wird. Hier also wohnten die Granden, wenn sie zu Hofe kamen; hier wandelten sie unter Kolonnaden und konnten einander trockenen Fußes Besuche machen. Aber was sag’ ich? Wir wollen die Versuchung, in stimmungsvollen Worten ein Stück vom feudalen Alt-Paris zu malen, nicht erst aufkommen lassen. Das pflegt ohnehin zu geschehen, wenn einmal im Jahre die französischen Poeten sich auf dem Vogesen-Platz niederlassen, um sich dem literarisch interessierten Publikum zu zeigen (und wer gehörte in Paris nicht dazu?) und ihre Bücher zu signieren. Es handelt sich dabei um die Dichter – wohlverstanden: nicht um die Romanciers und Essayisten. Ein Unterschied, an dem man in Frankreich immer noch festhält – wenigstens einmal im Jahre. Und einmal im Jahre ist die Place des Vosges für die Prosa zu schade, dieser wunderschöne Platz, der an dreihundertvierundsechzig Tagen äußerst prosaisch ist.

Ein Freund sagte: "Wir müssen diesen Platz im Auge behalten! Sieh die entblätterten Fassaden, den zerstörten Putz; sieh die verfaulten Wände! Obwohl die Obrigkeit zu jeder Reparatur ihr Scherflein beiträgt – Denkmalpflege, verstehst du? –, hat jahrelang hier niemand etwas reparieren, putzen, pflegen lassen. Die Wohnungsmieten sind hier, im Arme-Leute-Viertel, so gering, daß nirgendwo im Marais den Hauswirten etwas übrigbleibt. Im Gegenteil: Gibt es einen größeren Schaden, muß etwa das Dach erneuert werden, so geht es dem Besitzer an den Kragen: Er teilt womöglich sein Haus unter die Mieter auf, verkauft es wohnungsweise, und die neuen zehn oder zwanzig Hausbesitzer nehmen sich, wenn ihnen noch Geld vom Wohnungskauf übriggeblieben ist, des Dachschadens gemeinsam an. Aber natürlich: An die Fassaden denkt kein Mensch. Und stell’ dir vor: Wie sähe das aus, wenn beispielsweise hier, an der Place des Vosges, ein einzelnes Haus oder zwei oder drei in feinem Putz prangten – erneuertes Mittelalter –, während die übrigen in ihrem entblätterten Grau und Gelb dahingammelten!"

"Wir müssen diesen Platz im Auge behalten!" sagte er. "Unmöglich, daß de Gaulle an diesen Platz nicht denkt! Wenn er von neuer Größe Frankreichs träumt, kann er den alten Glanz noch nicht vergessen haben. Und wenn er die napoleonische Verordnung hervorgeholt hat, daß die Bürger von Paris alle zehn Jahre ihre Häuser instand zu setzen hätten (nicht nur innen, sondern auch außen), so muß der Vogesen-Platz, sofern es mit rechten Dingen zugeht, den Nutzen davon haben."

"Diesen Platz", wiederholte mein Freund, "müssen wir auch aus anderen Gründen im Auge behalten! Du siehst das Gitter, nicht wahr? Kein schlechtes Gitter. Ein ordentliches, hohes, schmiedeeisernes Gitter, das aus der Mitte des Platzes das größte Stück herausschneidet, auf dem die Kinder spielen. Hier hast du das Dilemma! Seit Jahrzehnten kämpfen zwei Gruppen um diesen Platz. Die eine Front ist die der Ästheten. Sie argumentieren, wobei sie vollkommen recht haben, so: Der schönste aller Plätze von Paris sollte auch heute vollendet stilrein sein. Aber woher wissen wir, wie schön er ist? Wir können es nicht sehen. Da sind zwar die Häuser mit den Kolonnaden ringsherum; dann eine Fahrbahn – ebenfalls ringsherum, zwei, drei Autos breit; dann das Gitter – dito ringsherum; dahinter der Kinderspielplatz, der, wie du siehst, den größten Teil des Ganzen einnimmt. Kaum hast du den Platz betreten, rennst du gegen das Gitter wie gegen einen Käfig. ‚Das Gitter muß weg‘, sagt die Front der Ästheten, die am liebsten auch noch die Bäume beseitigt und den Platz wieder mit Kopfsteinpflaster bedeckt sähen. Sie haben vollständig recht und hoffen, daß de Gaulle auf ihrer Seite ist. Aber die andere Front, die bisher siegreiche, verteidigt sich mit dem einzigen Satz: ‚Und wo, bitte, sollen unsere Kinder spielen?‘ Und auch diese Leute haben vollständig recht. Rekapitulieren wir: Frankreichs neue Größe ... Besinnung auf den alten Glanz ... Vätererbe, neu beseelt... Repariert die Dächer und streicht die Fassade!... Und wirklich siehst du anderwärts, wie unsere Patrioten sich ganz vergnügt an die Pflege und Verschönerung heranmachen und wie sie mit Farbe und Pinsel auf die Leitern steigen: so eifrig, als hätte man sie bisher gewaltsam daran gehindert! Also: Dies ist die eine Seite; die andere fragt: ‚Wohin mit den Kindern?‘ Dort Gloria, hier Humanitas. Wohin sich in Frankreich das Blatt wendet, wird an diesem schönsten Platz von Paris abzulesen sein. Was denkst du?"

"Ich denke, daß wir in zehn Jahren wieder auf der Place des Vosges stehen werden. Die Häuser werden noch ein bißchen gelber und grauer, die Fassaden noch ein wenig mehr vergammelt sein. Nur die Kinder werden so laut hinter dem Gitter und unter den Bäumen kreischen wie heut’."

"O nein, dann hätte de Gaulle nie gelebt! Ich bin ganz anderer Ansicht, und sage dir: Wir müssen die Place des Vosges im Auge behalten!"