Wer den Geschäftsbericht der Steinkohlenbergwerke Mathias Stinnes AG, Essen, gelesen hat, der muß feststellen: dieses große Zechenunternehmen ist ein weißer Rabe an der Ruhr! Das gilt nicht nur im Hinblick auf die für Bergbauunternehmen in diesem Jahre äußerst ungewöhnliche Feststellung, daß das Ergebnis als zufriedenstellend zu bezeichnen sei, sondern ebenso in bezug auf den vorgelegten Geschäftsbericht, der in seiner Publizitätsfreudigkeit über das an der Ruhr übliche Maß hinausgeht. Diese Gesellschaft sah sich nicht veranlaßt, auf Grund der Kohlenmisere die Dividende zu kürzen – oder zu streichen, was auch vorkommt! Die Ausschüttung von 10 (10) v. H. auf die alten Stammaktien (55,6 Mill. DM) – die Stammaktien aus der Kapitalerhöhung vom Juni 1958 (10,5 Mill. DM) erhalten 7,5 v.H. – und 11 (11) v.H. auf die Vorzugsaktien (13,8 Mill. DM) wird unverändert beibehalten, obwohl dafür auf Grund der Kapitalerhöhung ein höherer Betrag erforderlich ist.

Allerdings bedeutet das günstige Gesamtbild des Unternehmens keineswegs, daß die Kohlenkrise an Mathias Stinnes spurlos vorübergegangen ist. Bis zum Ende des Berichtsjahres mußten die Stinneszechen 277 000 t Kohle und Koks, das sind etwa 20 Tagesförderungen, auf Halde nehmen. Diese umfangreiche Lagerung war überhaupt nur möglich, weil die Lagerflächen mit erheblichen Kosten vergrößert worden waren. Die Feierschichten hielten sich daraufhin bei den Stinneszechen, mit insgesamt drei in 1958, in sehr engen Grenzen. Wenn die Jahresförderung trotzdem um rund 7 v. H. unter der des Vorjahres liegt, so ist diese Minderförderung in erster Linie durch eine bewußte Verringerung der durchschnittlichen Untertagebelegschaft um 628 Mann erreicht worden. Die Stinnesförderung erreichte, bei gegenüber dem Vorjahr unveränderter Untertageleistung von 1705 kg, rund 4,5 (4,8) Mill. t.

Die Kokereibetriebe arbeiteten während der ersten Hälfte des Berichtsjahres noch mit voller Erzeugung. Aber ab Mitte des Jahres mußten sie um 10 v. H. und etwa ab Dezember um 25 v. H. eingeschränkt gefahren werden, so daß die Gesamtkokserzeugung des Berichtsjahres mit rund 765 000 t um rund 5 v. H. unter der des Vorjahres lag.

Notleidender Absatz bei Koks, Kohle und Briketts waren aber nur die eine Seite der Medaille bei Mathias Stinnes im Jahre 1958. Ein befriedigendes Geschäft bei den Erzeugnissen der Veredelung, vor allem bei den Glaswaren, waren ebenso bestimmend für das wirtschaftliche Bild dieser Gesellschaft. Im Endergebnis ist Mathias Stinnes in der Lage, festzustellen, daß die Ertragsminderung der Zechengruppen durch Ertragsbesserungen der Veredelungsbetriebe wettgemacht werden konnte.

So standen die Glashütten weiterhin auf der Sonnenseite der Konjunktur; die Glaswerke Ruhr konnten ihre Erzeugung auf 225 000 (172 000) t erhöhen. Das Chemiewerk Ruhröl konnte die Erzeugungskapazität für organische Produkte voll ausnutzen und die Produktion restlos absetzen. Auf Grund neuer Entwicklungen stieg die Erzeugung auf rund 12 700 (11 800) t. Die Ammoniaksyntheseanlage erhöhte ihren Ausstoß auf 47600 (43 000) t Stickstoff. Die Mineralölverarbeitung, die die vorgesehene Höhe von 67 000 t erreichte, wurde angesichts der unbefriedigenden Erlöse, vor allem auf dem Heizölmarkt, im Oktober des Berichtsjahres eingestellt.

Die Umsatzzahlen des Konzerns unterstreichen die unterschiedliche Entwicklung in den einzelnen Unternehmensgruppen. Insgesamt konnte Mathias Stinnes den Umsatz auf 494 (485) Mill. DM leicht steigern. Der Umsatzrückgang bei den Zechen auf 310 (342) Mill. DM wurde durch die beachtlichen Steigerungssätze der Glaswerke Ruhr auf 118 (92) Mill. DM und des Chemiewerkes Ruhröl auf 66 (51) Mill. DM mehr als ausgeglichen. So liegt auch der Rohertrag des Geschäftsjahres nur um 2,7 v. II. unter dem des Vorjahres. Auch die ausgewiesenen Postenerhöhungen, vor allem für Löhne und Gehälter wie gesetzliche soziale Abgaben konnten durch die von rund 31 Mill. DM auf rund 10 Mill. DM verminderten Steuern vom Einkommen, Ertrag und Vermögen ausgeglichen werden. Die beachtliche Verringerung der Ertragsteuern ist in diesem Falle kein absolutes Indiz für eine Verschlechterung der Ertragslage des Unternehmens, weil im Vorjahre – wie der Geschäftsbericht ausdrücklich betont –, Rückstellungen für Nachforderungen auf Grund einer heute noch nicht abgeschlossenen Buch- und Betriebsprüfung vorgenommen worden sind.

Die Investitionen sind im Berichtsjahre trotz einer beachtlichen Zunahme auf 37,1 (23,9) Mill. DM nur wenig über das ebenfalls gestiegene Abschreibungsvolumen von 33,1 (32) Mill. DM hinausgegangen. Damit haben die Gesamtinvestitionen bei Mathias Stinnes von der Währungsreform bis Ende 1958 die Summe von 342,1 Mill. DM erreicht. Im gleichen Zeitraum betrugen die Abschreibungen auf Sachanlagen 289 Mill. DM. Die Investitionen werden auch im laufenden Jahre planmäßig weitergeführt werden. Insbesondere sollen die Abteufarbeiten auf der neuen Anlage Wulfen, die bereits im Berichtsjahre an die vorderste Stelle im Investitionsprogramm gerückt sind, mit dem bekannten Firmenoptimismus weiter fortgesetzt werden. Für dieses Projekt beabsichtigt die Verwaltung, die von der Hauptversammlung am 29. Mai 1958 genehmigte Kapitalerhöhung in Anspruch zu nehmen.

Die Aussichten über den Verlauf des Geschäftsjahres 1959 werden bei Mathias Stinnes noch sehr vorsichtig beurteilt. Es überrascht keineswegs, daß die Verwaltung damit rechnet, daß das Ergebnis der Zechen weiter rückläufig sein wird. Allerdings wird auch im laufenden Jahre wiederum für die anderen Betriebszweige mit einem befriedigenden Ergebnis gerechnet. Bei den Zechen lagen bis zum Ende des ersten Quartals 1959 463 000 t Kohle und Koks, das sind 30 Tagesförderungen auf den Halden. Das Unternehmen ist bemüht, alle Möglichkeiten zur weiteren Leistungssteigerung und Kostensenkung bei der Kohle auszuschöpfen. Ein erster Erfolg des neuen Geschäftsjahres: die Untertageleistung ist bis zum Ende des ersten Quartals um 150 kg auf 1855 kg gestiegen. Im Hinblick auf die Gefahr aber – so führt der Geschäftsbericht aus –, daß die Heizölproduzenten bei dem ihnen zur Verfügung stehenden erheblich größeren Kalkulationsspielraum ihren Absatz unter Umständen mit Kampfpreisen ausweiten könnten, werde es trotz aller ehrlichen Bemühungen des Bergbaus letzten Endes auf die obrigkeitliche Entscheidung ankommen, ob der Energiebedarf der heimischen Wirtschaft vorrangig aus der Kohle gedeckt werden solle, oder ob man sich für einen Kostenvorteil von nur begrenzter Dauer von fremden Energieträgern abhängig machen wolle. Nmn.