wurden wir langsam mit dem Geschmack des Landes vertraut gemacht, das wir in wenigen Stunden auch sehen und dann betreten würden. In heller Sonne glitten wir im weiten Bogen über die Kurilen dahin, bemüht, russisches Gebiet nicht zu überfliegen.

Über dem Großen Ozean, der uns durch seine Wolkenfabrikation immer höher trieb, überflogen wir sanft die Datumsgrenze und gewannen einen Tag in unserem Leben. Mein Vordermann, ein Amerikaner aus Frankfurt, der jedesmal, wenn er eine Anmerkung machen wollte, mit seiner Lehne zu mir herüberkippte, rechnete aus, wie oft man in dieser einzig richtigen Richtung um die Welt reisen müßte, um wieder 20 zu werden. Wer genug Geld hat, kann es schaffen.

Nun war es dem Kalender nach also wieder Sonntag. Und im ganzen Flugzeug breitete sich Sonntagsstimmung aus, als wir endlich die japanischen Inseln sahen. Diskussionen der verwöhnten Weltreisenden, daß dieser Triumph, Japan von Europa aus in 30 Stunden zu erreichen, bald übertroffen werde, füllten die Zeit bis zur Landung in Tokio. Seriöse Reisende zwischen den Kontinenten, die bisher auf der Erde immer dafür eingetreten waren, daß die Hetze gebremst werden müsse, erklärten, erst die Düsenverkehrsmaschinen würden die Flugzeiten auf den Polarrouten auf ein Maß herabdrücken, das ihrem Durchhaltevermögen näher käme. Schneller sein heißt hier: Ruhe gewinnen. Demnächst, wahrscheinlich im Herbst, sollen auf diesen Polarrouten die Düsenmaschinen eingesetzt werden. Der Termin hängt von dem Ausbau der Startbahnen ab.

Seine Exzellenz der Botschafter bog sich zurück, und seine zierliche Frau machte sich noch schmaler, damit ich den Fuji erblicken sollte. Wirklich, da tauchte er in seiner edlen Linie im Fensterrahmen auf wie auf den berühmten Holzschnitten Hokusais (erst später erzählte mir ein Japaner, daß der Heilige Berg ein Abfallhaufen ist von den Hunderttausenden von Konservendosen, die alle Wanderer jährlich auf die Aufstiegswege werfen). Gleich darauf landete der Superstarliner auf dem Flugplatz von Tokio dicht am Meer. Hunderte von Kindern und Erwachsenen drängten sich an den Absperrungen an diesem Sonntagmittag. "Sie werden schon sehen", sagte ein Bekannter, der mich abholte, "überall werden Sie in Tokio diese Menschenmassen treffen."

Wir fuhren hinein in diesen quirlenden Irrgarten. Mit achteinhalb Millionen Einwohnern ist Tokio = Yokohama nach japanischen Statistiken die größte Stadt der Erde, und dennoch haben die Straßen noch immer keine Namen und ihre Häuser keine Nummern. Als erstes lernt der Fremde, daß er sich von dem Hotelportier nicht nur jede Adresse in japanischen Schriftzeichen aufschreiben, sondern auch eine Kartenskizze dazu anfertigen läßt. Er erfährt ebenso rasch, daß der eifrige Austausch von Visitenkarten nicht nur ein Ausdruck der gerühmten japanischen Höflichkeit ist. Vielmehr trägt fast jede Rückseite einen Miniaturstadtplan mit jenem Ausschnitt, der näher bezeichnet, wo der Betreffende wohnt. Japaner wohnen im Versteck.

Tokio ist keine gewachsene Stadt, sie ist explodiert und hat mit Holzhäuschen und Buden, mit einem wirren Gerank von elekrischen Masten ein riesiges Gebiet bestreut, und überall wimmelt es von Menschen. "Tokio ist die häßlichste Stadt der Welt, in der die alte japanische Kultur stirbt, ein Mischmasch westlicher Architektur mit Bretterbuden. Meister der Architektur sind sie nie gewesen", sagen viele Europäer, die in Japan leben. Die "Verzauberung des Amorphen, besonders, wenn die Lichter brennen", nennen es Freunde Japans, die von dieser dynamischen Stadt fasziniert sind, weil sich hier östlicher Lebensstil mit westlicher Zivilisation so durchdrungen hat, daß ein erregend neues Dasein daraus entsteht. (Wird fortgesetzt)