Zwischen den Schlachten von Magenta und Solferino, die sein italienisches Werk und seine österreichische Mitteleuropa-Konzeption zerbrachen, ist er vor hundert Jahren gestorben: Clemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich, der fast vierzig Jahre lang die Geschicke Österreichs – und Europas – in seinen Händen hielt. "Unser alter Staatskanzler ist auch hinübergegangen", notierte sich Friedrich Hebbel am Todestage des 86jährigen Fürsten: "Mir kommt es vor, als ob jetzt die Uhr von Europa zerschlagen wäre ..."

Die Uhr des Kontinents – das ist der Rheinländer aus Kur-Trierischem Geschlecht, der Österreich diente und in der Weise seines Jahrhunderts ein großer Europäer war, während eines ganzen Menschenalters gewesen. Zunächst, von 1809 an, als österreichischer Außenminister; später als Wiener Hof- und Staatskanzler – bis hin in jene Revolutionstage vom März 1848, die den greisen Staatsmann aus dem Amte und ins zeitweilige Exil trieben.

Im Märzensturm zerbrach das Uhrwerk. Neue Kräfte wiesen eine neue Zeit, und Metternich, der während der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Bühne beherrscht hatte, mußte mit einem Logenplatz vorliebnehmen. In den Kulissen wollte er nicht stehen, und im Parkett war ihm – nach seinen eigenen Worten – die Gesellschaft zu gemischt. Und nun also, am 11. Juni 1859, räumte er auch die Loge, von der aus er den Akteuren des neuen Stücks noch manches Stichwort, manche Kritik zugeflüstert hatte. Der "alte Arzt im Weltspital", wie er sich selber gern nannte, war tot.

"Metternich ist ein Prinzip gewesen", so hat man von ihm gesagt, "ein Panier, dem ein Teil des Jahrhunderts gefolgt ist, während ein anderer dawider gestanden und es gestürzt hat." Gefeiert wurde er von den einen, gelästert von den anderen – zu seinen Lebzeiten und lange Jahrzehnte noch nach der Beisetzung in der Familiengruft seines böhmischen Schlosses Plaß. Gralshüter der Reaktion, Dämon Österreichs, Fürst Mitternacht – so etikettierten ihn seine Gegner, und es gab deren viele. Kutscher Europas, größter Praktiker und vielseitigster Theoretiker der konservativen Anschauung, Meister der diplomatischen Spiels – so rühmen ihn seine Bewunderer. Auch deren gab es viele, und es sind ihrer immer mehr geworden, seit in zwei Weltkriegen jene Ordnung zerschlagen wurde, die Metternich nach den napoleonischen Wirren, beim Wiener Kongreß, aufgerichtet hatte. Was jene Ordnung, die ein Jahrhundert währte, für Europa bedeutete, das ist erst jetzt, da sie unwiederbringlich dahin ist, so recht sichtbar geworden.

Ordnung in einem anderen Sinne war ja überhaupt das Kennwort der Politik Metternichs und der Schlüssel zu seinem Denken. "Ich habe für die Ordnung gelebt und somit die Freiheit gewollt, nicht die schillernde, sondern die wahre, erwärmende, belebende", sagte er nach der Revolution von 1848. Und ein andermal bekannte er: "Das Wort Freiheit hat für mich nicht den Wert eines Ausgangs, sondern den eines tatsächlichen Endpunktes."

Zwischen den Polen Ordnung und Freiheit hat der österreichische Staatsmann freilich nie die richtige Mitte gefunden, zumal nicht in der Innenpolitik. Der Deutsche Bund wurde unter ihm zur Unterdrückungsanstalt. Die Karlsbader Beschlüsse, seine Zentraluntersuchungskommission, die Wiener Ministerialkonferenzen, Zensur und Polizeiherrschaft all das ist zu Recht von seinen liberalen Kritikern angeprangert worden. Und wenn auch die neuere Forschung gezeigt hat, daß keineswegs die ganze "Reaktion", als deren Exponent er galt, auf sein Schuldkonto kommt, so zeugt doch sein Ausspruch wider ihn: Um ein Volk gut zu regieren, müsse man es in einem Zustand "wohltemperierter Malaise" halten.

In der Außenpolitik liegen die Dinge nicht so einfach und nicht so klar. Daß das Schlagwort von der Restauration eben nur ein Schlagwort ist, bestreitet mittlerweile kaum noch einer: In Wien wurde 1815 ja nicht restauriert, es wurde auch Neues geschaffen. Dort entstand das geschichtliche Gefüge Europas, wie es im wesentlichen bis zum ersten Weltkrieg hin Bestand hatte. Legitimität, Interventionsrecht, heilige Allianz, Prinzipienpolitik – sie waren nur das geistige "Unterfutter" des Metternichschen Wirkens auf außenpolitischem Felde. In der Praxis erwies er sich als sorgsam wägender Staatsmann, der sich mit dem Mindestnutzen zu bescheiden und seine Prinzipien zu verleugnen wußte, wenn es die force des choses, der Zwang der Dinge, verlangte. Seine Politik war ein rationales Kunstwerk, kein ideologisches Luftschloß. Und in seiner Politik der europäischen Mitte war er ganz der Vorläufer Bismarcks, der in dieser Hinsicht die Aufgabe und die Ideen des Wiener Staatskanzlers von preußischem Boden aus fortführte. Sollten wir, die wir aus dieser Mitte verstoßen worden sind, keinen Sinn mehr haben für die Größe einer Konzeption, die eben ihrer Bewahrung galt?