Der Bericht, den der junge, westdeutsche Musikwissenschaftler Fred K. Prieberg im NDR (UKW, Produktion Hannes Reinhardt) über "Polens neue Musik" gab, wirkte aufsehenerregend. Mit gelassener Sachlichkeit wurde auf Grund eigener Eindrücke, die der Redner neuerdings in Polen gesammelt hat, die kulturpolitische Situation eines Landes geschildert, das im Verbände des Ostblocks seit 1954 auf das Dogma des sozialistischen Realismus festgelegt ist. Danach war zwar die Pflege der einheimischen Folklore erlaubt, ja erwünscht; doch die neue Musik des Westens wurde als ästhetischer Formalismus verpönt.

Was die Ideologen des sozialistischen Realismus nicht vorausgesehen hatten, vollbrachten polnische Musiker. Sie entdeckten in der altpolnischen Volksmusik ähnliche Elemente, wie sie für die westliche Kunstmusik der Gegenwart maßgebend sind: Kirchentonarten, Bitonalität, Polyrhythmik und die Singpraxis des Organon. Damit wurde ein Doppeltes bewirkt: Die Ideologie des sozialistischen Realismus; und seine Behauptung, was "volkstümlich" und deshalb erwünscht sei, wurde als falsch entlarvt. Unter der Tarndecke einer Art "Blut und Boden"-Musik schrieben polnische Komponisten "modern".

Im Oktober 1956 war der Bankrott des sozialistischen Realismus in Polen offenkundig. Obwohl er niemals öffentlich verdammt wurde, legten staatliche Stellen unter dem Eindruck inner- und außenpolitischer Ereignisse (antistalinistisches Tauwetter, Ungarnaufstand) jedoch einer auch im westlichen Sinne modernen Musik in Polen keine unüberwindbaren Hindernisse mehr in den Weg. In Moskau und Ostberlin ist man inzwischen argwöhnisch geworden. Auch Warschau bremst neuerdings wieder ein wenig. Eindrucksvoll berichtete Prieberg von der zwiespältigen Situation polnischer Musiker, die sich vor allem nach Resonanz im Westen sehnen.

Aus den Musikbeispielen, die während dieser langen Sendung erklangen, muß man sich einige Namen merken. Die Trauermusik, die Witold Lutoslawski unter dem Eindruck des Ungarnaufstandes komponierte, sollte nach Westdeutschland übernommen werden. Eine "Kammermusik" des 25 jährigen Wlodomierz Kotonski baut auf Anregungen von Webern auf. Auf Bartok und den Neuklassizismus stützt sich der 36jährige Kazimierz Serocki. Mit 32 Jahren schrieb Jan Krenz eine apart instrumentierte Orchester-Rhapsodie. Sie alle und manche andere, dazu das polnische Musikpublikum blicken erwartungsvoll auf den Westen, der von innerpolnischen Kulturrevolutionen nichts weiß ... J. J.