Vom Januar bis März 1959 – das ist jetzt bekanntgeworden – waren 40 v. H. der Sendungen des Deutschen Fernsehens "Konserven". Sendungen also, die als Filme oder mit Hilfe anderer Aufzeichnungsmittel hergestellt und bei passender Gelegenheit ins Gemeinschaftsprogramm der Fernsehsender gestellt wurden. Die Zahl gibt zu denken.

Für die Theaterstücke, die vom Fernsehen vermittelt werden, dürfte sich die "Vorfabrizierung" noch steigern. Man muß künftig, um nicht alle prominenten Darsteller drei oder vier Probenwochen und an einem bestimmten Premierenabend zu beanspruchen, schneller und rationeller proben, um eine Programmreserve zu schaffen.

Dieses Wort "Programmreserve" bezeichnet die verteufelte Situation, die sich ergibt aus der Bestimmung des Fernsehens, Bericht zu erstatten, durch Ursprünglichkeit in Leistung und Teilhabe zu wirken und – aus der Mechanik der Organisation. Die festliegenden Sendezeiten wollen ausgefüllt werden. Passiert denn aber immer etwas, das frisch und fernsehgerecht ist? In die Lücken schlüpft die Konserve, das vorfabrizierte Füllmaterial. Das Trägheitsgesetz der Physik gilt auch für eine komplizierte Organisation: Sicher ist sicher. Was man auf Band und Film besitzt, das kann man getrost "einsetzen".

Ganz wohl zumute ist den Fernsehpraktikern offensichtlich selber nicht. Das konnte man schließen aus dem letzten "Blick in die Zeit". Dort wurde uns der Deutsch-Amerikaner Professor Haber vorgestellt, der ab Herbst 1959 mit 13 wissenschaftlichen Sendungen aufwarten will. Er mied das deutsche Wort "Populärwissenschaft" und wollte es durch den amerikanischen Ausdruck "öffentliche Wissenschaft" ersetzt sehen. Wissenschaft soll "öffentlich" werden, indem sie ohne Abzug an fachlicher Richtigkeit im Fernsehbild verständlich gemacht wird. Eine Probe: Viele Mausefallen waren mit Kugeln belegt worden. Dann wurde eine Kugel in das weite Feld der Mausefallen geworfen. Was dann geschah, war ein Modell der Kettenreaktion, wie sie bei Atomspaltungen auftritt. Trefflich! So etwas kann auch als Film fabriziert werden. Es bietet Wirklichkeit, die uns alle betrifft und die erst von wenigen verstanden wird. Das sind theoretische Dokumente.

*

In derselben Sendung wurde eine Sensation geboten: der Film von der operativen Verpflanzung eines kleinen Hundekopfes auf den Körper eines größeren Hundes, so daß nach fünfstündiger Operation ein Wesen mit zwei Köpfen vor der Kamera lag und lebte. Unheimlich! (Dem letzten Münchner Chirurgenkongreß war dieses Filmdokument des russischen Professors Demichow noch nicht zugänglich gewesen.) Dem Zuschauer stockte der Atem. Auch dieser medizinische Bericht war technisch "vorfabrizierte Konserve". Aber nicht nur durch die Erstmaligkeit der Vorführung vor Laien, mehr noch durch das Niegesehene medizinischer Forschungspraxis wurde die Filmkonserve in den Rang des Unerhörten erhoben. Hier verschwimmen also die äußerlichen Fernsehbegriffe "Dokument" und "Aufzeichnung". Allein der Gegenstand entscheidet über den Oberbegriff: Teilhabe des Zuschauers an einem Geschehen, das ihn betrifft.

Diese Tieroperation, von der einige Stadien gezeigt wurden, berührte aber auch schon die Grenze des Humanen. Die "Ehrfurcht vor dem Leben" sieht im Erfahrungsbereich des Laien, also des Fernsehzuschauers, und des operierenden Mediziners ganz verschieden aus. Ich bin dagegen, daß Millionen von Menschen eine ärztliche Operation vorgeführt wird. Trotz des spärlichen Kommentars eines sehr sympathischen deutschen Arztes wurde durch den krassen Einblick in freigelegte, innere Körperfunktionen und durch die offene Konfrontation mit der Praxis eines medizinischen Experimentators das allgemeine Bewußtsein von der Unverletzlichkeit des Lebens untergraben. Der Schritt von diesem Tierversuch, dessen menschliche Zukunftsbedeutung für die Kreislaufforschung nicht bestritten werden soll, zu den berüchtigten Experimenten von SS-Ärzten an Menschen ist zu klein, wenn im Laienbewußtsein erst einmal die personale Würde aller Kreatur der Einsicht in den operativ entblößten Funktionalismus der Natur geopfert worden ist. Das war zuviel an spezieller "Wirklichkeit" für ein Massenpanorama.