r. g., Stuttgart

An der Ladentür des Metzgers in einem Dorf bei Stuttgart ist ein Schild befestigt: "Unserer vierten Kundschaft zur Kenntnis, daß der Laden am Samstag nur bis 13 Uhr geöffnet ist, betreffs Hochzeit." Den Betreff bildet die blonde Metzgerstochter. Sie ist groß und kräftig; und sie wird die Festlichkeit halbwegs bei Kräften überstehen, obwohl es sicher anstrengender für sie wird, als wenn sie am Sonnabend zwölf Stunden lang – das Ladenschlußgesetz auf dem Lande ist Theorie – ihrem Vater geholfen oder Kunden bedient hätte.

So eine schwäbische Hochzeit auf dem Lande ist eine Art privates Volksfest. In den größeren Städten dagegen ist ein bedenklicher Verfall der Sitten eingetreten: Man begnügt sich damit, zwanzig bis vierzig Personen zur Hochzeit einzuladen. Bei der Metzgerstochter werden es 200 sein; mehr haben in der kleinen Gastwirtschaft, die der Metzgerei angeschlossen ist, keinen Platz. Man weiß aber auch von schwäbischen Hochzeiten, die mit 400 und 600 Personen gefeiert worden sind. Dabei waren die Brautleute, wohlgemerkt, nicht Mitglieder regierender Häuser, sondern schlichte Bürgersleute in einer Kleinstadt oder auf dem Dorf.

Man muß freilich wissen, daß man im Schwäbischen nicht wie in Berlin einen subtilen Unterschied macht zwischen "eingeladen" und "aufgefordert". Man ladet hier zwar ein – in kleinen Städten mittels Zeitungsanzeige, in der man das Festlokal veröffentlicht –; aber die Angesprochenen, "alle Verwandten, Freunde und Bekannten", zu denen manchmal auch alle am Ort wohnenden Angehörigen des Geburtsjahrgangs der Braut oder des Bräutigams gehören, wissen, daß sie nur aufgefordert worden sind: sie müssen – es gibt da sinnreiche Abstufungen – ihr Essen, ihre Tabakwaren und zuweilen auch die Getränke selbst bezahlen. Nur die engsten Familienangehörigen werden völlig freigehalten.

Dennoch kostet so eine öffentliche Hochzeitsfeier mit allem Drum und Dran gut und gern soviel wie eine Schlafzimmereinrichtung. Das wissen jedoch nicht nur die Brautleute, sondern auch die Gäste. Deshalb stellt die Mehrzahl – praktisch, wie Schwaben veranlagt sind – nicht etwa eine Blumenvase oder ähnliche bei Hochzeiten massiert auftretende Geschenke auf den Tisch, Von denen man dann vielleicht zwei Dutzend umtauschen müßte, sondern überreicht einen Geldschein.

Die 600-Personen-Hochzeit beispielsweise hat, wobei jeder die schwäbische Nationalspeise, das Schnitzel mit Kartoffelsalat und Spätzle, selbst bezahlt hat, 1200 Mark gekostet. Der eingegangene Geldbetrag, Sachwerte nicht gerechnet, machte 1800 Mark aus. So gesehen, war die Hochzeit also eine lohnende Investition.