Abergläubisch ist die Verwaltung der Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG, Wuppertal-Elberfeld, offenbar nicht: der Dividenden-Vorschlag für 1958 lautet – nach 10 plus 2 v. H. im Vorjahr – auf 13 v. H. Das ist zwar vorwiegend ein Geschenk des Steuerfiskus an die Aktionäre – denn in der Dividendenerhöhung findet die Körperschaftsteuerermäßigung auf den ausgeschütteten Gewinn ihren Niederschlag –, aber das Unternehmen selbst, dessen Hauptabnehmer, die Textilindustrie und die Reifenindustrie, im Berichtsjahr zeitweilig Sorgenkinder waren, wahrt damit immerhin die Tradition der guten Glanzstoff-Dividenden, obwohl das Geschäftsergebnis des vergangenen Jahres niedriger war als das von 1957. Die durchschnittliche Verzinsung des Kapitals, das zu 75,7 v.H. in Händen der niederländischen AKU liegt, ist damit seit der Währungsreform auf 7,1 v.H. gestiegen. Auch für das laufende Geschäftsjahr, das sich nach den bisherigen Ergebnissen besser anläßt als das Berichtsjahr, kann wohl wieder mit einer angemessenen Verzinsung gerechnet werden, wenn die Feststellung des Vorstandsvorsitzers Dr. Dr. h. c. Ernst Hellmut Vits, daß es eine Höchstdividende nicht gebe, so zu deuten sind.

Der Siegeszug der synthetischen Chemiefasern bestimmt nachhaltig das Absatzbild der Glanzstoff-Gruppe, die insgesamt gesehen trotz Textilkrise noch einen relativ guten Markt für ihre Erzeugnisse gefunden hat. Im Berichtsjahre hat sich das Schwergewicht der Nachfrage weiter von den traditionellen zu den synthetischen Chemiefasern verlagert. Im Stammhaus Glanzstoff zwangen Nachfragehemmungen in den Reyonsparten zu einer Herabsetzung der Produktion, während die Erzeugung von synthetischen Fäden und Fasern sowohl bei Perlon und Diolen als auch bei Kordnylon gesteigert werden konnte. Insgesamt stieg die Produktion der drei Glanzstoffwerke Oberbruch bei Aachen, Obernburg und Kelsterbach am Main auf 44 500 (43 100) t und 3000 (2800) Mill. km. Gleichzeitig mußte das Unternehmen, um den steigenden Ansprüchen des Marktes zu genügen, bei ständiger Qualitätsverbesserung mehr als 480 Sorten und Aufmachungsarten anbieten. Bedauernd wies Dr. Vits darauf hin, daß ein so mannigfaltiges Produktionsprogramm ein ernstes Problem für die Rationalisierung darstelle, aber eine Typisierung der Nachfrage sei in Deutschland nicht zu erreichen.

Auf den Wertumsatz des Glanzstoffhauses hat sich die Verlagerung der Nachfrage auf Synthetika günstig ausgewirkt. Während der Gesamtkonzern erstmalig seit der 1952 einsetzenden Mengenkonjunktur einen Knick in der Versandmengen-Kurve hinnehmen mußte, hielt sich der Wertumsatz -dank der Versandsteigerung von Perlon, Diolen und Kordnylon mit 671 Mill. DM auf Vorjahrshöhe. Noch deutlicher tritt die strukturelle Nachfrageverschiebung bei den Zahlen des Stammhauses Glanzstoff in Erscheinung. Die 2prozentige Umsatzsteigerung auf 391 (382,7) Mill. DM konnte erreicht werden, indem die Einbußen bei den beiden Reyonsparten von den Absatzzahlen synthetischer Fasern überkompensiert wurden. Das Unternehmen richtet sich darauf ein, daß sich dieser Strukturwandel zugunsten der Synthetika in den kommenden Jahren noch verstärken wird. Diesem Trend trägt auch die Investitionspolitik des Konzerns Rechnung. Bereits im Berichtsjahr entfielen von den Gesamtinvestitionen in Höhe von 49 Mill. DM etwa 60 v. H. auf die Betriebsanlagen für die synthetischen Sparten.

Auch im Berichtsjahr hatte wieder der Verbraucher seinen Anteil an der Umsatzsteigerung; seit Jahren genießt er die Vorteile der Mengenkonjunktur, zu der sich das Unternehmen weiterhin bekennt. Gegenüber dem Geschäftsjahr 1957 ist der Preisindex der Chemiefaser-Unternehmen der Glanzstoffgruppe insgesamt auf 95 gefallen. Allerdings wird auf die unterschiedliche Entwicklungstendenz der Verkaufspreise und der Gestehungskosten hingewiesen. Offenbar werden die seit 1952 im Zuge der progressiven Mengenkonjunktur bestehenden Ausgleichsmöglichkeiten durch Kostendegression nicht mehr als Allheilmittel angesehen. Bereits für das Berichtsjahr ist von Kostenprogressionen in Teilbereichen infolge Produktionseinschränkungen bei den traditionellen Reyon-Sparten die Rede. Außerdem wird auf die weiterhin steigende Tendenz der Arbeitsentgelte und des gesetzlichen Sozialaufwandes hingewiesen, die entscheidend zu dem Stoßseufzer der Verwaltung beitragen, daß das "Erwirtschaften eines dem Vorjahr entsprechenden Ergebnisses immer schwieriger werde".

Bereits im Berichtsjahr blieb das Gesdiäftsergebnis – das etwa zur Hälfte von den beiden Säulen des Unternehmens, den traditionellen Reyon-Sparten und den Synthetica, erbracht wurde – hinter dem des Vorjahres zurück. Allerdings gehören zu den belastenden Momenten – neben dem auf 11,7 (10,8) Mill. DM gestiegenen Diolenbetrag, 88,5 (81,6) Mill. DM für Löhne und Gehälter und 43,8 (39,0) Mill. DM für Abschreibungen auf Anlagebeteiligungen – auch eine erste passivierte Teilrückstellung für die LAG-Vermögensabgabe in Höhe von 3,8 Mill. DM. I. N.