In dem von Paris angezettelten westlichen Bruderzwist ist jetzt vom NATO-Oberbefehlshaber Norstad auf einen groben Klotz ein grober Keil gesetzt worden: Der General hat seine Absicht mitgeteilt, die rund 200 bislang in Frankreich stationierten amerikanischen Düsenjagdbomber des Typs F 100 von Frankreich nach England zu verlegen.

Dieser entschlossene Schritt des NATO-Chefs, der sein Hauptquartier an der Seine hat, war die Antwort auf die Weigerung der Regierung de Gaulle, amerikanische Atomsprengköpfe auf französischem Boden zu dulden, falls Frankreich nicht gleichzeitig das Verfügungsrecht darüber erhalte. – Jenes gallische Manöver, das der amerikanische Senator Jackson mit Recht als "atomare Erpressung" gebrandmarkt hat, verfolgt ganz offensichtlich zwei Ziele: erstens will Frankreich die moralische Unterstützung der NATO-Alliierten für seinen Algerien-Krieg erzwingen, und zweitens will es sich den Zugang zu den Geheimtresoren der amerikanischen Kernwaffenproduktion öffnen, auf daß die Grande Nation sich durch die Explosion einer hausgemachten großen Bombe möglichst bald in den exklusiven Dreier-Klub der Atommächte hineinschießen kann.

Die Gründe, die Paris in beiden Fällen für sein Manöver gibt, können nur ein vom anachronistischen Wahn nationaler Größe umwölktes Hirn überzeugen. Was Algerien anlangt, so fordern die Franzosen, daß die Verbündeten endlich den Krieg auf nordafrikanischem Boden als eine Sicherung der NATO-Südflanke und als eine Verteidigung gegen den anbrandenden Kommunismus respektieren.

Gegen den anbrandenden Kommunismus... Wer denn anders als Frankreich selber hat durch eine jahrelange unglückselige Algerienpolitik dafür gesorgt, daß kommunistische Agitatoren in Nordafrika mehr und mehr Gehör finden?

Sicherung der NATO-Südflanke ... Wer denn hat immer wieder in gereiztem Ton behauptet, die algerische Frage sei eine innerfranzösische Angelegenheit und gehe andere Staaten nichts an – auch die NATO-Verbündeten nicht?

Frankreich als eine Großmacht müsse in den Besitz der großen nuklearen Abschreckungswaffen gelangen – dies ist das zweite Argument der Franzosen. Wozu allerdings zu bemerken ist, daß die ehrlichen Franzosen das Argument so wenden: Nur durch den Besitz von Atomwaffen werde Frankreich wieder zur Großmacht.

General Bethouart hat auf dem Atlantischen Kongreß in London erklärt: "Wir sind etwas unglücklich darüber, daß sich die Abschreckungswaffen nur in den Händen von Großbritannien und den Vereinigten Staaten befinden." Es sei nicht sicher, daß diese Mächte die große Bombe im Falle eines östlichen Angriffs auf Europa auch wirklich anwendeten. Frankreich – so das ceterum censeo des Generals – müsse also selber Nuklearwaffen in seinem Arsenal haben.