Von René Drommert

Agrippina Jakowlewna Waganowa, Stalinpreisträgerin und Volkskünstlerin der UdSSR (1879 bis 1951), war Professor der Ballettpädagogik in Leningrad. Vorher, 1897 bis 1917, war sie Ballerina am berühmten Mariinskij teatr in Petersburg – wie Leningrad vor dem ersten Weltkriege hieß.

Das ist oft der Weg der Pädagogen: die Kunst, die sie mit den eigenen Mitteln nicht mehr ausüben können, bilden sie im lebendigen Material ihrer Schüler weiter: Es ist wie ein Traum von der Fortsetzung der eigenen schöpferischen Kraft. Daher haben solche Lehrer oft das rührendste Verhältnis zu ihren Schülern.

Agrippina Jakowlewna, die sich in den letzten Jahrzehnten anscheinend durchdrungen fühlte vom Erneuerungspath der bolschewistischen Revolution, mag selber nicht mehr so ganz genau gewußt haben, wieviel sie der großen französisch-italienischen Tradition des russischen Balletts verdankte, vor allem dem Südfranzosen Petipa und dem Italiener Cecchetti. Aber zweifellos gehört diese Frau zu den besten Tanzpädagogen der ersten Jahrhunderthälfte. Sie war unter anderem die Lehrerin der großartigen Galina Ulanowa, die wir im vorigen Jahr in Westdeutschland kennengelernt haben. Sie hat ein glänzendes Buch für Ballettpraktiker, Pädagogen und Schüler, geschrieben:

A. J. Waganowa: "Die Grundlagen des klassischen Tanzes"; N. J. Hoffmann-Verlag, Köln; 183 S., mit 131 Illustrationen, 16,80 DM.

Das Ballett wird als "klassischer Tanz" bezeichnet, sehr zu recht. Seinem System eignet ungewöhnliche, federnde Festigkeit und Formstrenge. Es scheint so sehr verbunden mit einer Krisenfestigkeit der technischen Grundlagen, daß Agrippina Jakowlewna, als Pädagogin unübertrefflich, aber historisch nicht durchaus versiert, die irrtümliche Auffassung vertrat, es könne in ihrer Kunst nicht mehr als fünf Positionen – geben – während doch in der Geschichte des europäischen Balletts sechs, sieben, ja acht Positionen nachweisbar sind (Curt Sachs).

Das Buch, das in der Sowjetunion 1948 erschien, ist ein Amalgamierungsprodukt von sehr streng und sehr gescheit gehüteten Erfahrungen und der sich ständig regenerierenden Begeisterung für eine Kunst, die nicht wie Kunst, sondern ewig nur wie eine Metamorphose des Lebens selber erscheinen will – und als solche auch oft genug mißverstanden wird. Das Werk ist, von Jochen Scheibe in ein klares und kerniges Deutsch übersetzt, ein europäisches Buch: nicht nur, weil es auf den Erfahrungen vieler europäischer Länder fußt, sondern zugleich auch, weil es überall in Praxis umsetzbar ist, wo der Geist des Balletts lebendig ist.

Agrippina Jakowlewna Waganowa ist, sieht man von den wenigen persönlichen Abwandlungen des Systems und einigen politischen Randbemerkungen ab, eine strenge Hüterin der Tradition. Das zeigt sich natürlich auch in der Verwendung der hergebrachten französischen Terminologie, die zum Ballett gehört wie die italienische Terminologie zur Musik. Und wenn es noch eines Beispiels bedurft hätte, hier ist es: Beim Zusammenprall von bolschewistischer Revolution und Tradition hat sich nicht immer die Revolution als die stärkere Kraft erwiesen.