Kürzlich fand im Kreml der dritte sowjetische Schriftstellerkongreß statt. Als Sprecher des Staatsapparates trat A. Surkow auf. Er wandte sich gegen den Revisionismus: Darunter versteht man jede Abweichung von den Richtlinien des Politbüros. Surkow verwarf den bourgeoisen Nationalismus, den Dogmatismus, den vulgären Soziologismus und das Sektentum. Unter diesem Sektentum begriff er vor allem Kunstströmungen und den Zusammenschluß in Künstlergruppen. Er forderte die Schriftsteller auf, "Propagandisten der Ideen des Kommunismus" zu sein. Material und künstlerische Mittel seien auf diese Propaganda abzustimmen. Alte Forderungen, die mit dem Begriff des soziologischen Realismus engstens zusammenhängen, wurden erneuert. Die Autoren wurden aufgefordert, dem Leben an Ort und Stelle nachzuspüren, an den Baustellen der Fünfjahrespläne, in den Kolchosen, auf den Versuchsstationen.

Wie gehabt.

Surkow äußerte ein Wort, das als Rüge der Schriftsteller gemeint war, aber auch als Schwäche des Systems ausgelegt werden könnte: Die sowjetische Literatur entbehre "große Charaktere, die dem Kommunismus entgegenkommen".

Auf dem Kongreß verlangte man nach dem "positiven Helden" – eine rosarote Konstruktion also, natürlich mehr der Ideologie als der Wirklichkeitsbeobachtung entsprungen. Die Versicherung, daß das Privatleben, Liebes- und Familienverhältnisse nicht verbotene Themen seien, wirkte, denkt man an die Affäre Pasternak, wie eine leere Floskel.

Es scheint so, als sähe es bei der jungen Generation ermutigender aus. So sagte zum Beispiel Wladimir Solouchin: "Unser Alltag ist schwer und kompliziert, und wir dürfen kein Bild in rosigen Farben hinterlassen, nach welchem unsere Nachkommen eine falsche Vorstellung von unserem Leben gewinnen."

Auch Chruschtschow warnte vor dem Revisionismus, schien aber eine Geste der Versöhnung gegenüber Pasternak zu machen – ohne daß dessen Name genannt wurde. Chruschtschow beklagte das niedrige Niveau der meisten sowjetischen Bücher: "Du liest, und die Augen fallen dir zu." Setzt sich hier Einsicht durch? Aber was hilft es schon, da ja der große Apparat staatlicher Lenkung viel schwerfälliger ist als die geistige Beweglichkeit des einzelnen: "System" nennt man so etwas. Und das Barometer des Systems zeigt auf "leichten Frost". R. M.