A. W. A., Berlin

Seitdem sich die Pankower Funktionäre von den Gastgebern der Genfer Konferenz sagen lassen mußten, daß sie auf dem Parkett internationaler Pressekonferenzen nicht salonfähig sind, setzen sie die Hetze gegen Westberlin dort fort, wo sie sich durch keinerlei Rücksichtnahme auf gute Manieren behindert wissen: im Ostsektor der deutschen Hauptstadt.

Zuerst wurde der RIAS aufs Korn genommen, der bei der Zonenbevölkerung besonders beliebt und ihren Gewalthabern deshalb ein Dorn im Auge ist. Ihm widmete die Berliner Zeitung eine ganze Seite, auf der die personelle Gliederung des Senders und die Spionagefunktionen der einzelnen Mitarbeiter "aufgedeckt" wurden. Nur hatte man sich dabei offenbar veralteten Archivmaterials bedient; kaum einer der angegebenen Namen, keine Dienststelle, Adresse oder Telephonnummer war korrekt aufgeführt. Einige der Mitarbeiter, die in der Liste erschienen, sind schon seit Jahren nicht mehr beim RIAS tätig, ja zum Teil gar nicht mehr in Berlin.

Zum zweiten "Hieb" holte die Berliner Zeitung mit einer doppelseitigen Beilage aus. Sie hatte den Schmökertitel: "Schlupfwinkel des Verbrechens." Hier wurden in zehn Kolonnen von Namen, Adressen, "Deckadressen", "Trefflokalen", "Übernachtungsstellen", Telephonnummern sowie konspirativen Wohnungen und Anlaufstellen" das "Spinnennetz der USA-Spionage", die "Rattenlöcher britischer Spione", "Französische Agentennester" und "Die Bonner Wühlmäuse" "entlarvt".

Darunter befanden sich so "verdächtige" Institutionen wie die Tschechoslowakische Militärmission in der Dahlemer Podbielskiallee; die Maison de France, in der sich ständig hohe sowjetische Beamte der Ostberliner Botschaft mit westlichen Journalisten treffen; eine Reihe von Trümmergrundstücken, Telephonnummern des Ostsektors und solchen, die mit dem dazu genannten Namen nicht übereinstimmten, und schließlich die Wohnung des Chefkorrespondenten einer amerikanischen Nachrichtenagentur, der erst kürzlich von Ulbricht zu einem Interview empfangen worden war.

"Das auf diesen Seiten enthaltene Material ist von dokumentarischer Beweiskraft hatte die "Berliner Zeitung" geschrieben. "Bonn und die Frontstadtpolitiker können es nicht aus der Welt lügen. Jede Adresse ist echt. Sämtliche Anschriften, sämtliche Telephonnummern sind Tatsachen ... Diese Beweise gehören auf den Verhandlungstisch in Genf!"

Endlich hat der Berliner Senat – sehr spät – die Gegenrechnung präsentiert. Und die sieht so aus: Nach sehr vorsichtiger Schätzung gibt das Zentralkomitee der SED jährlich 50 Millionen Westmark und 250 Millionen Ostmark für seine Spionagetätigkeit im Westen aus. Etwa 80 Prozent aller nachrichtendienstlichen Verbindungen, die gegen Westberlin oder die Bundesrepublik gerichtet sind – die der Sowjets und der Satellitenländer eingeschlossen –, gehen über Ostberlin. Dem Westberliner Verfassungsschutz sind allein 1200 geheime Agententreffpunkte im "demokratischen" Sektor bekannt: 115 Fälle von versuchtem oder vollendetem Menschenraub kommen auf das Konto des Staatssicherheitsdienstes.

Ostberlin – nicht Westberlin – ist das größte Spionagezentrum der Welt! "Schlupfwinkel im Agentensumpf" aber wird kein Berliner mehr in den Mauern seiner Heimatstadt dulden – sobald sie in ganz Berlin aufgespürt werden können...