R. N. Carew Hunt, einer der bedeutendsten Kenner des internationalen Kommunismus, lehrt am St. Antony’s College in Oxford. Bekannt geworden ist er vor allem als Autor der Bücher "Theory and Practice of Communism"‚ das kürzlich in der fünften Auflage herauskam, und "Marxism, Fast and Present", das sich mit der ideologischen Entwicklung des Kommunismus von Marx bis heute befaßt. Vor einem Jahr erschien in England sein drittes Buch "A Guide to Communist Jargon", das jetzt auch in der Bundesrepublik unter dem "Wörterbuch des kommunistischen Jargons" von der Herder-Bücherei herausgegeben worden ist.

In diesem Buch analysiert R. N. Carew Hunt fünfzig der wichtigsten politischen Begriffe und Definitionen, die gegenwärtig in der Sowjetunion und im Ostblock gebraucht werden. Für jeden einzelnen Begriff gibt der Autor nicht nur die parteioffizielle sowjetische Definition, sondern erklärt in "westlicher" Sprache seinen Sinn und zeigt auf, welche Bedeutung es hat, wenn diese oder jene politische Formulierung stärker betont oder in den Hintergrund gedrängt wird.

Die Auswahl ist sehr glücklich getroffen. Unter den 50 dechiffrierten Formeln finden sich die wichtigsten aus dem grundsätzlichen Bereich der Sowjet-Ideologie, wie etwa "Dialektik", "Objektivismus", "Subjektivismus", "Spontanität" und "Voluntarismus", aber auch Begriffe der reinen Parteisprache werden erläutert, wie etwa "Kader", "Demokratischer Zentralismus", "Fraktionstätigkeit", "Abweichung", "Innerparteiliche Demokrat tie", "Parteilinie", "Kritik und Selbstkritik", "Parteilichkeit", "Säuberungen" und "Wachsamkeit". Die heute noch gebräuchlichen älteren Begriffe aus der Lenin-Zeit und davor "Reformismus", "Opportunismus", "Diktatur des Proletariats", "Imperialismus", "Nationalismus und Selbstbestimmungsrecht", "Kleinbürgertum" und "proletarische Demokratie" – werden ebenso untersucht wie die vor allem seit Stalins Tod im Mittelpunkt stehenden neueren Schlagworte wie etwa "Koexistenz", "kollektive Führung" und "Personenkult".

Die Gegenüberstellung der Quellen und vor allem auch der verschiedenen Ausgaben läßt die Wandlungen in den politischen Formulierungen sehr deutlich werden. Die Begriffsveränderungen nach Stalins Tod sind dabei besonders berücksichtigt worden.

Das neue Buch von R. N. Carew Hunt ist somit ein unentbehrliches Rüstzeug, nicht nur zum Verständnis der Sowjetideologie im allgemeinen, sondern auch für die Bewertung aktueller Vorgänge in der Sowjetunion und im Ostblock. Man kann nur wünschen, daß nun auch bald die anderen beiden Bücher R. N. Carew Hunts dem deutschen Leser zugänglich gemacht werden. R. N. Carew Hunt: "Wörterbuch des kommunistischen Jargons, Schlagworte unter der Lupe", Herder-Bücherei, Band 35, 156 Seiten, DM 2,20.

Wolf gang Leonhard