Von Azio de Franciscis

Rom, Mitte Juni

Das Triumphgeschrei, das die italienischen Kommunisten und Sozialisten über den unerwartet großen Erfolg der von Silvio Milazzo, einem Großagrarier, geführten bourgeoisen "Rebellenbewegung" gegen die Democrazia Cristiana bei den sizilianischen Landtagswahlen angestimmt haben, kann über ein wichtiges Faktum nicht hinwegtäuschen: Der Versuch des KP-Chefs Togliatti, Sizilien in eine autonome rote Inselrepublik zu verwandeln, ist im ersten Anlauf gescheitert.

Freilich hat dieser wohl gerissenste Kommunistenführer in Westeuropa seine Strategie nicht aufgegeben: Die Festung der römischen Zentralregierung, die er nach zwölfjährigen ununterbrochenen Frontalangriffen nicht erobern konnte, soll von der Peripherie her angelaufen und schließlich zur Kapitulation gezwungen werden. Dazu will er sich der autonomen Regionen bedienen, die in den ersten Nachkriegsjahren in Italien entstanden sind; entstanden gegen die Opposition der Kommunisten, die damals eine rasche Übernahme der Zentralgewalt in Rom für möglich hielten.

Die christlich – demokratischen Verfassungsväter hatten die Gliederung des Staates in 19 autonome Regionen vorgesehen. Bisher sind jedoch nur vier verwirklicht worden: das westalpine Aosta-Tal mit seiner französischsprechenden Bevölkerung, ferner die unglücklicherweise zu einer Region gekoppelten Provinzen Trient und Südtirol, sowie Sardinien und schließlich Sizilien. Die übrigen 15 Regionen müßten noch etabliert werden: Aber Rom zögert. Muß es nicht fürchten, daß eine Reihe von roten Kleinstaaten entstünden? Die Gebiete Emilia, Toskana und Umbrien sind heute rote Hochburgen. Und wenn erst, wie die Verfassung es vorschreibt, die örtliche Polizei den Regionalbehörden untersteht – muß man nicht annehmen, daß die Kommunisten skrupellos dies Instrument zur Festigung ihrer Macht mißbrauchen?

Mitte Mai traten die Kommunisten als Anwälte der regionalen Selbstverwaltung auf, und es gelang ihnen, im Aosta-Tal mit Hilfe der katholischkonservativen Union Valdotaine, welche hier die französische Minderheit vertritt, die christlichen Demokraten aus der Landesverwaltung hinauszuwählen. Man fragt sich besorgt, ob das gleiche Manöver in Sizilien mit Hilfe der vom ehemaligen christlich-demokratischen Notabeln Milazzo gegründeten Christlich-Sozialen-Union wiederholt werden sollte.

Togliattis Rechnung ist nicht aufgegangen. Bei den Landtags wählen am 7. Juni hat Milazzos Christlich-Soziale-Union zwar unerwartet viele Stimmen geerntet (etwas über zehn Prozent und neun Mandate), aber gleichzeitig hat die Democrazia Christiana mit 38,7 Prozent der Stimmen ihre führende Stellung behauptet. Die KP und ihr siamesischer Zwilling, Nennis Sozialistische Partei, haben hingegen nur winzige Fortschritte gemacht. Die Kommunisten erhielten von insgesamt 90 Landtagssitzen nur 21, die Sozialisten nur elf. Das reicht nicht aus, um einer Volksfront nach altem Muster die Mehrheit im Normannen- – schloß zu Palermo, dem Sitz des Landtags, zu sichern.