Vor nunmehr 40 Jahren, im Frühjahr 1919, ist – unter dem Vorsitz des Berliner Textilkaufmannes Heinrich Grünfeld – die "alte" Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels geschaffen worden. Es spricht für die erfolgreiche Tätigkeit dieser den gesamten Einzelhandel, vom Kramladen bis zum Warenhaus, "vereinigenden" Organisation, daß man bald nach 1945 an die Wiedererrichtung des im nationalsozialistischen Staate suspendierten Verbandes herangegangen ist – einer Organisation übrigens, wie sie, in dieser umfassenden Form, mit einigen Nachbarländern (so Frankreich, Belgien, den Niederlanden) noch immer fehlt.

In diesen Tagen veröffentlicht die "neue" Hauptgemeinschaft ihren 11. Arbeitsbericht, aus dem zu ersehen ist, daß auch in dem "weniger guten Jahr" 1958 – mit nur 5 v. H. Umsatzsteigerung, gegenüber 10, 12,6 und 12 v. H. in den drei Vorjahren – der innere Zusammenhalt zwischen groß und klein gewahrt werden konnte: trotz des verhältnismäßig schnell fortschreitenden Zuges zu größeren Betriebseinheiten, der naturgemäß auf Kosten des (häufig als Nebenbetrieb geführten) "kleinen" Ladens geht.

Freilich sind die statistischen Angaben über die Betriebsgrößen nicht eindeutig. Sie weisen zwar für den Zeitraum von 1954 bis 1957, rund 40 000 "Kleinstbetriebe" (mit einem Jahresumsatz unter 50 000 DM) weniger aus. Aber sie lassen nicht erkennen, wie viele solcher Betriebe tatsächlich liquidiert haben und wie viele in höhere Größenstaffeln aufgestiegen sind. Die Zunahmen bei diesen, mit rund 42 000 Betrieben insgesamt, läßt vermuten, daß der Konzentrationsprozeß noch keine für den "Kleinstbetrieb" lebensbedrohende Formen angenommen hat. Andererseits ist zu bedenken, daß die Zahl von 40 000 "ausgefallenen"’ Kleinstbetrieben ja nur einen Saldo – aus der wahrscheinlich weit höheren Zahl der "Abgänge" insgesamt, vermindert um die Zugänge aus Neugründungen – darstellt. Und immerhin haben die rund 5200 Großbetriebe (mit jeweils über 1 Mill. DM Jahresumsatz), obwohl sie nur knapp 1 v. H. der Gesamtzahl der (544 000) Einzelhandelsunternehmen stellen, mittlerweile fast 40 v. H. des Gesamtumsatzes von rund 70 Mrd. erreicht.

Nun sagen die Gesamtzahlen natürlich verhältnismäßig wenig über die sehr erhebliche branchenmäßige Differenzierung aus, die sich in den letzten Jahren als Ergebnis konjunktureller wie struktureller Verschiebungen ergeben hat. Bei einem durchschnittlichen Umsatzplus von rund 40 v. H., gemessen an den jeweiligen Preisen, seit 1954 – was ‚,preisbereinigt‘" etwa einen effektiven Mehrumsatz von 30 v. H. ausmacht – stehen Rundfunk-, Fernseh- und Phonoartikel deutlich voran, gefolgt von Photo und Optik, Beleuchtung und Elektrogeräten, während die beiden großen Bereiche "Nahrungs- und Genußmittel" und "Bekleidung, Wäsche, Schuhe" knapp unter dem Durchschnitt liegen.

Dieser wird erheblich von einigen im Schatten liegenden Branchen unterschritten: Fahrräder und Zubehör sind da zu nennen, ferner Milch und Milcherzeugnisse, Wein und Spirituosen, Schokolade und Süßwaren. Wie weit auch hier die von der Hauptgemeinschaft tatkräftig unterstützten mannigfachen Rationalisierungsbemühungen im Einzelhandel das Verhältnis zwischen Kosten und Erträgen relativ günstig haben gestalten können, mag im Einzelfall recht verschieden sein. Insgesamt jedenfalls haben sich die steuerlich abzugsfähigen Kosten (mit 18,3 bis 18,6 v.H. des Umsatzes) kaum geändert, trotz erhöhter Gehälter für die Angestellten – was bedeutet, daß bei einer leicht (von 23,2 auf 24,8 v.H. des Umsatzes) erhöhten Rohertragsquote ("Handelsspanne") die steuerlichen Reingewinne sich in diesem Zeitraum von 1954 bis 1958 merklich verbessert haben: nämlich von 4,8 auf 6,2 v.H. des Umsatzes.

Das ist, alles in allem, ein Ergebnis, mit dem man im Einzelhandel und in "seinem" Verband, der Hauptgemeinschaft, doch ganz zufrieden sein darf. Gewiß wird das Geschäft immer komplizierter und schwieriger dadurch, daß sich das Warensortiment schnell vergrößert und sich zugleich die Nachfrage verschiebt, zu reicherer Auswahl, zu größerer Lagerhaltung, zur Abrundung des Angebots oder aber zur Spezialisierung, unter Aufgabe von jeweils weniger "gängigen" Artikeln, zwingt.

Aber wenn auch derart "das Verkaufen schwieriger wird als das Produzieren", in diesem Zeitalter des wirtschaftlichen Überflusses, so ergibt sich offenbar doch für den Einzelhandel ein gewisser Ausgleich dadurch, daß die Kundschaft zunehmends die Bereitschaft zeigt, sich einen guten Service auch etwas kosten zu lassen. E. T.