Was bei einer Hochschulreform nicht vergessen werden sollte (IV)

Von Wolfgang Clemen

Radikale Lösungen kann man also in der augenblicklichen Lage mit gutem Gewissen nicht empfehlen. Man muß vielmehr versuchen, zunächst im vorhandenen Rahmen die Verhältnisse zu verbessern und Schritt für Schritt einen allmählichen Umbau des Studiums, des Unterrichts, des Auslese- und Prüfungswesens zu beginnen. Es geht dabei darum, die Ausbildung zu verbessern und sie neuen Gegebenheiten anzupassen (gerade auch im Hinblick auf die Berufserfordernisse) und dennoch ein Stück der echten Universität auch im jetzigen Universitätsbetrieb zu bewahren und zu intensivieren.

Da ist ein Vorschlag erwägenswert, nach dem das Studium in zwei Abschnitte aufzuteilen wäre, von denen der erste Abschnitt unter dem Zeichen der stärkeren Anleitung, Einführung und Kontrolle durch jüngere Lehrkräfte stehen sollte, feste Studienpläne (wenn auch mit Alternativmöglichkeiten) kennen müßte und vor allem auf die Grundlagen und einzuübenden Fertigkeiten des betreffenden Faches abzustellen wäre. In diesem, vier bis fünf Semester umfassenden, Studienabschnitt würde der Unterricht hauptsächlich in den Händen jener Mittelschicht von Lehrpersonen, auf die im vorigen Aufsatz hingewiesen wurde, liegen müssen. Assistenten und, wo es ingezeigt ist, Tutoren würden den Unterricht auf dieser Stufe verstärken und dazu beitragen, daß wieder kleine, übersehbare Unterrichtsgruppen, in denen der einzelne nicht nur passiv aufnehmen, sondern aktiv mitarbeiten würde, gebildet werden könnten.

Das wäre gleichzeitig ein Weg, die "Vermassung" zu überwinden, Begabungen frühzeitig zu erkennen (um sie dann entsprechend zu fördern) und schon in den ersten Semestern dem einzelnen Studenten jene Führung und Anleitung zu geben, nach der die heutige Generation mehr als frühere verlangt. Die "akademische Freiheit" ist offenbar nur noch für eine Minorität zuträglich, während sie bei der Mehrheit eher das Gefühl des "Verlorenseins" und "Schwimmens" erzeugt.

Dieser erste Studienabschnitt würde durch eine Zwischenprüfung abgeschlossen werden, durch die es sich ähnlich wie bei den naturwissenschaftlichen Zwischenprüfungen erübrigen müßte, daß gewisse elementare Kenntnisse und Fertigkeiten im Staats- oder Diplomexamen dann noch einmal geprüft werden.

In dieser Zwischenprüfung wäre es eher möglich, die zur eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit Befähigten auszusondern, so daß diese fortan in Oberseminaren und in einem engeren Kontakt mit ihren Professoren eine eigentlich wissenschaftliche Ausbildung mit strengen Anforderungen erhalten könnten.