Ungern sieht man ein Kapital, von dem (und für das!) anständige Leute zweitausend Jahre lang gelebt haben, in kleiner Münze unter die Leute gebracht, in wenigen Jahren vergeudet. Eben das geschieht mit "Europa". Aus den Gefilden der hohen Politik dringen Schlachtrufe an unser Ohr, die tosend künden von dem einen, der ein "guter", und dem anderen, der ein "schlechter", und einem dritten, der "eben doch der bessere" Europäer sei. Es wächst eine Generation heran, die das Wort "Europa" schon bald nicht mehr hören kann, die es ablehnt: als verlogene Phrase.

In keinem Lande des eurasischen Kontinents ist man für "Europa" so offen – und so anfällig gewesen wie in Deutschland. Freilich waren in diesem Lande die "guten Europäer" des einen auch die "vaterlandslosen Gesellen" des anderen. Das ging immer ein bißchen durcheinander.

Es gibt hier eine Tradition der Europa-Liebe, die der (nicht in jedem Falle unverständlichen) Unzufriedenheit mit dem Eigenen entspringt. Wir können sie leicht zurückverfolgen bis zu jener intellektuellen Bewegung, die das geistige Bild von Europa formte: bis zum europäischen Humanismus, der ja zu einem nicht kleinen Teil ein deutscher Humanismus war. Die deutsche Klassik beschwor dann jene Griechen, bei denen Europa entstand: als Wort, als (zunächst rein geographischer) Begriff, aber auch schon als Idee (die "Europe" im Gegensatz zur "Barbarei"). Später träumte Nietzsche – und zwar immer, wenn er seine Landsleute gründlich leid war – von Europa. Die deutschen Fürsten redeten am wenigsten davon, aber waren viel mehr als alle internationalen Organisationen heute: eine europäische Institution. Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg und nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg schienen wir Deutsche bereit, alles für Europa herzugeben; wobei wir manchmal übersahen: daß wir – im Gegensatz zu Franzosen und Engländern etwa – nicht mehr so sehr viel herzugeben hatten. Und zwischendurch war "Europa" gerade gut genug für das nationalsozialistische Regime, seine Eroberungspläne auf einen feierlichen Hauptnenner zu bringen.

Ist ein guter Europäer jemand, der viel in Europa herumreist – sei es auf eigene Kosten, sei es auf Spesen? Ist er ein Philologe, in den Sprachen und Literaturen der europäischen Länder bewandert? Oder ist es jemand, der eine bestimmte wirtschaftliche Organisationsform (etwa den europäischen Markt) einer anderen Organisationsform (etwa der Freihandelszone) vorzieht? Gehört zum guten Europäer noch ein, Verbundensein mit den geistigen Wurzeln Europas – dem Christentum (mit gelegentlichen Kirchgängen) und dem Humanismus (mit einigen Kenntnissen des Lateinischen und Griechischen)? Kann ein Kusse ein guter Europäer sein? Ist ein "guter" Europäer ein "schlechter" Engländer, Franzose, Deutscher – und umgekehrt?

Fragen über Fragen. Und es gäbe deren noch viel mehr, die mit den hier gestellten gemeinsam hätten: daß es keine verbindlichen Antworten darauf gibt. Daß wir etwas vage Liebens- und Lobenswertes damit meinen, wenn wir jemanden einen "guten Europäer" nennen, ist ja schön. Vielleicht können uns Überlegungen wie diese hier raten, trotzdem lieber "Ein Mann, den ich sehr schätze" zu sagen. Leo