• Der Bundestag und der Parteitag der CSU in München waren Schauplatz für Nachhutgefechte im Streit um den Entschluß des Bundeskanzlers, weiter im Amt zu bleiben. Daß Erhard den Münchner Parteitag verließ, bevor der Kanzler eingetroffen war, zeigt, daß die Versöhnung noch nicht vollkommen ist. Es bleibt der Eindruck, der schon in Bonn entstand:

Der Kanzler ist ebenso angeschlagen wie sein Stellvertreter. Ja, vielleicht hat Erhard sogar die Chance verspielt, überhaupt je Bundeskanzler zu werden.

  • Nach vielem Hin und Her hat die CDU/CSU jetzt ihren dritten und endgültigen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten nominiert: den bisherigen Ernährungsminister Heinrich Lübke. Am 1. Juli werden sich also Carlo Schmid (SPD), Max Becker (FDP) und Heinrich Lübke (CDU/CSU) der Bundesversammlung zur Wahl stellen.

Lübke hird es schwer haben, aus der Rolle des Lückenbüßers, in die er durch die Manipulationen seiner Fraktion gedrängt worden ist, wieder herauszukommen. Daß er am 1. Juli gewählt wird, gilt als sicher.

  • Die Bundestagsausschüsse für Inneres und für Gesamtdeutsche Fragen haben sich auf eine Resolution geeinigt, die Berlin als Ort für die Präsidentenwahl empfiehlt. Bundestagspräsident Gerstenmaier, der nach dem Gesetz den Ort der Wahl bestimmen muß, hat sich für die schwierige Entscheidung die Rückendeckung des Parlaments gesucht.

In Bonn hat sich die Auffassung durchgesetzt, daß der Symbolwert einer Präsidentenwahl in Berlin schwerer wiegt als die Befürchtung, diese demonstrative Geste könnte sich bei den Verhandlungen mit den Sowjets nachteilig auswirken.

  • Die französischen Eisenbahner haben im letzten Augenblick den für Dienstag ausgerufenen Streik abgeblasen, da sich die Regierung bereit erklärt hat, der Gewerkschaft entgegenzukommen. Die befürchtete Streikwelle – andere Gewerkschaften hatten Sympathiedemonstrationen angekündigt – ist damit vorläufig gestoppt.