Das hohe Amt des Bundespräsidenten, das höchste im Staat, wurde diesmal zum ersten, zum zweiten, zum dritten ausgeboten. Der Hammer fiel: Zuschlag für Lübke. Der Chronist, den Namen des neuen Präsidentschaftskandidaten hörend, stürzte auf den Korridor und rief, die Türen aufreißend: "Wie heißt Lübke mit Vornamen?" Mehrfaches Achselzucken, es fiel der Name "Anton"; aber auch "Heinrich" wurde genannt.

Gewonnen: Heinrich ist der Name. Ein ehrenhafter Name und ein ehrenhafter Mann. Fortan wird man ihn sich merken müssen, jenen Gutgläubigen folgend, die da sagen: "Es ist das Amt, das den Mann formt." (Nicht umgekehrt...)

Ihn, den Präsidentschaftskandidaten, dem Volke näherzubringen, bemühte sich der Chronist, Aussprüche zu finden, in denen er sein Wesen offenbarte, seinen Mut, temperamentvoll einzugreifen ins Geschehen, seine Klugheit, seinen Weitblick, oder wenigstens seine Kunst, sich populär zu machen. Hier eine Auswahl. Lübke sagte zum ersten: "...", zum zweiten: "..." Zum dritten aber öffnete er sein Herz und sagte: "..." (Und seine Freunde von der CDU hörten es stets gerne und gaben ihm immer recht.)

Schließlich wurde bekannt, daß er immerhin einige Worte von schlaglichtartiger Bedeutung prägte. Sobald er nämlich über den Beschluß der Wahlmänner unterrichtet wurde, daß er und kein anderer Präsidentschaftskandidat der CDU sein solle, erwiderte er sanft, er könne die Wahl nur annehmen, wenn er auch in Zukunft der Unterstützung der Partei und des Kanzlers sicher sei. "Der Bundeskanzler", so sagt die Nachricht lapidar, "gab die gewünschte Zusicherung." Und darauf nahm Lübke die Kandidatur an...

Wie recht doch August, der letzte Sachsenkönig, hatte, als er seine Kinder ermahnte: "Wenn ihr nich artig seid, könnt ihr keen Keenig wär’n!" Und wie unrecht Schiller hatte, als er in "Kabale und Liebe" den stürmischen Brausehelden Ferdinand ausrufen ließ: "Unterdessen erzähl ich der Residenz eine Geschichte, wie man Präsident wird..." Keine Kabale, keine Liebe; bloß recht brav sein, dann wirst du, wenn du schon Minister bist, auch leichthin Präsident. Außerdem: Wenn zwei sich zanken, freut sich der dritte...

Alles in allem: Niemand kann anderes vom Bundesernährungsminister Heinrich Lübke, der nun wahrscheinlich Bundespräsident wird, sagen, als daß er ein ehrlicher, stiller, sympathischer Mann ist. Ob er ein guter Vater des Volkes sein wird (wie Heuss es als Präsident war)? Nun, zum guten Onkel wird es sicher reichen ...

J. M.–M.