Nun gibt es also eine französische und eine englische Partei bei uns

Als neulich auf einer Tagung das Wort fiel: "Mir wäre etwas weniger Achse Bonn–Paris und etwas mehr Brücke Bonn–London sehr lieb, da spürte man, daß diese Formulierung in der Versammlung wie eine Kontaktzündung wirkte. Viele Leute in der Bundesrepublik empfinden so. Nicht, daß sie eine enge Zusammenarbeit mit Frankreich etwa missen möchten; sie halten nur eine einseitige starre – eben eine Achsenverbindung – für fragwürdig, jedenfalls dann, wenn sie den Brückenschlag nach Großbritannien unmöglich macht.

Diese Dreieckssituation in Europa, die die Vorstellung erweckt, als sei die Freundschaft von zwei Partnern notwendigerweise immer gegen den dritten gerichtet, ist höchst unselig. Man sollte solche Vorstellungen zusammen mit vielem anderen alten Gerümpel des 19. Jahrhunderts endlich aus der aktuellen Politik entfernen. Es darf keine Alternative: Achse oder Brücke geben.

Es war Ernst Friedlaender, der auf der Deutsch-Englischen Konferenz in Königswinter jenen Satz von der Achse und der Brücke prägte. Damals, im März dieses Jahres, als Macmillan von Moskau zurückkam und Bonn einen Besuch abstattete, ging ein einziger Seufzer der Erleichterung durch das Auswärtige Amt in der Koblenzer Straße: "Gott sei Dank, der Höhepunkt des Mißtrauens gegen die englische Politik im Palais Schaumburg scheint überwunden."

Noch kurz zuvor hatte man sich in den Gängen des Bundeshauses zugeraunt, das böse Wort des 19. Jahrhunderts vom perfiden Albion – einst in Frankreich erfunden – sei plötzlich wieder zu neuem Leben erwacht. Und nach der anglo-amerikanischen Gipfelkonferenz im Blockhaus von Camp David machte dann eine Bemerkung des Bundeskanzlers die Runde: "Diese Briten sollten lernen, daß sie den Kontinent nicht länger führen können. Deutschland und Frankreich sind die Führer des Kontinents."

Bald darauf schien eine Wendung einzutreten. Der Kanzler sagte in einer großen offiziellen Ansprache:

"Es ist viel davon die Rede gewesen, daß unser Verhältnis zu Großbritannien, insbesondere mein persönliches Verhältnis zu dem britischen Premierminister Macmillan, getrübt sei. Was zunächst mein persönliches Verhältnis zu Macmillan angeht, so ist alles, was darüber geschrieben wird, eitel Phantasie. Ich habe mich manchmal gefragt, ob nicht irgendwo Drahtzieher sind, die geflissentlich darauf ausgehen, das Verhältnis zwischen dem britischen Volke und dem deutschen Volke zu verschlechtern, und zwar aus außenpolitischen Gründen." Er sprach dann davon, daß in Großbritannien die Stimmung Deutschland gegenüber fast systematisch verschlechtert werde und fügte schließlich hinzu: "Auf deutscher Seite wird alles vermieden werden, was irgendwie dazu beitragen könnte, der anti-deutschen Stimmung in Großbritannien Stoff zuzuführen."