Von Thilo Koch

Genf, im Juni

Place St. Gervais Nr. 1ist die Adresse des amerikanischen Generalkonsulats in Genf. Hier sitzt, hinter großen Fenstern wenige Meter über der schnellströmenden Rhône, William Stearman. Auf seinem Schreibtisch und auf Regalen hinter ihm stapeln sich Berge von Briefen, Postkarten und Petitionen. Mr. Stearman ist ein Mitarbeiter des amerikanischen Außenministers Herter und verbrachte einen großen Teil seines Tages während der Genfer Konferenz damit, diese Post zu lesen, teilweise zu beantworten und auszuwerten. Sie ist vor allem in deutscher Sprache geschrieben und kommt zum überwiegenden Teil aus der deutschen Sowjetzone. Die Briefe sehen beispielsweise so aus:

Jürgenstorf, Post Stavenhagen (Mecklenburg), den 15. 5. 1959.

Hochverehrter Herr Außenminister! Die Kolleginnen und Kollegen sowie Jugendlichen des VEG Tierzucht Jürgenstorf, Krs. Malchin, in der Deutschen Demokratischen Republik verfolgen mit großer Aufmerksamkeit die Außenministerkonferenz ... Mit großer Besorgnis sehen wir auf die Entwicklung in der westdeutschen Bundesrepublik, da dort in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg die alten faschistischen Kräfte und Revanchepolitiker die wichtigsten Positionen im Staat besitzen..."

Unter solchen Briefen stehen dann meistens mehrere Unterschriften, manchmal füllen sie ganze Seiten. Die Briefköpfe und Absender vermitteln einen erschütternden Querschnitt durch die sowjetdeutsche Neusprache: Konsum, Genossenschaftsverband, Krs. Bernburg EGMBH, Selbstbedienungsladen, VDST 104 – VEG, Leipziger Feinkost, Marmeladen, Spirituosen, Konserven, Gurken, Sauerkraut und Essigfabrik – Jerichow, Ortsgruppe des demokratischen Frauenbundes – Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft "Vorwärts" Borthen, Krs. Freital – VEB Möbelwerk "Fortschritt", Weißensee – Rat der Stadt Zwickau, Abt. Finanzen – VEB Elektromotorenwerk, Hartha, Krs. Döbeln.

Daneben schreiben viele Privatpersonen und auch Schulen, wie die Betriebsberufsschule in Fürstenwalde (Spree), die Herbert’sche Zentralschule in Plauen, die Martin-Luther-Universität, Halle/Wittenberg. Weitere Absender: Dübel- und Holzwerk Loitz, Krs. Demmin, das "Deutsche Spielzeugmuseum Sonneberg in Thüringen", die Deutsche Notenbank Radebeul, das Reichsbahnamt Pasewalk, das Weichenamt Brandenburg West. Und so weiter und so weiter.