Das erste Kinderwort heißt heute häufig nicht Mama oder Papa, es heißt "Auto". Wir wissen alle von dem beinahe unheimlichen Interesse bereits der kleinen Kinder für die ratternden Ungetüme jeglicher Art. Es ist durchaus nicht auf Großstadtkinder beschränkt, die eine Kuh nur noch als Reklamebild kennen – falls Überhaupt. Auch Bauernjungen finden den Traktor interessanter als den Stall.

Ein Wettbewerb "Jugend malt Autos" wurde nun vom Münchener Verlag "Mensch und Arbeit" im Verein mit der Mercedes-Firma Daimler-Benz in Stuttgart veranstaltet, und zwar in der Form, daß alle Schulen des Bundesgebietes die Bedingungen des Preisausschreibens erhielten und alle Lehrer sie ihren Klassen mitteilten. Teilnehmen konnten Kinder von sechs bis siebzehn Jahren; sie wurden bei der Preisverteilung in Altersgruppen von sechs bis zwölf und von dreizehn bis siebzehn eingeteilt. Thematisch wurde eine Unterteilung in Personen- und Nutzfahrzeuge vorgenommen, Einzelarbeiten waren ebenso zugelassen wie Gemeinschaftsarbeiten. Der Wettbewerb sollte ergründen, ob Kinder noch Phantasie besäßen, trotz der genormten Groschenhefte.

Das Ergebnis war unerwartet positiv. Von rund 27 000 Einsendungen sind etwa 21 500 im Zeichenunterricht der Schulklassen entstanden Die Bilder sind von so unterschiedlichem Inhalt und so differierender Form, daß man über die ständig diskutierte Jugendnivellierung eigentlich beruhigt sein dürfte. Die Massierung des Menschen in der Großstadt drückt sich allerdings in einer überwiegenden Mehrzahl der Arbeiten aus. Nicht nur in den Straßenszenen, sondern auch auf Campingplätzen – einem beliebten Motiv – herrscht ein ausgesprochener Mangel an Luft. Da gibt es zwar Bäume und Rasen, aber sie sind kaum sichtbar vor Zelten und Autos. In den Stadtszenen drängen die Wagen so dicht aneinander vorbei, daß der Betrachter sich ebenso gefährdet fühlt wie jene Passanten im Bild, die auf eine Verkehrsinsel flüchten. Eines der aufregendsten Bilder, von einem Dreizehnjährigen gemalt, zeigt eine Autorennbahn. Die Fahrer der jagenden Wagen sind nicht sichtbar, dagegen die Zuschauer in den ersten Reihen, geometrisch nebeneinander getupft, die sich dann in noch gerade sichtbaren Sektoren in ein anonymes Grau verlieren. Das Bild ist so beängstigend wie eine Geschichte von Kafka. Diese wenn auch meist unbewußte Beängstigung spricht aus einer Unzahl von Bildern, auch wo sie scheinbar fröhlich und unbefangen ihre bunte Aussage machen.

Am erstaunlichsten sind die Urwald-Phantasien: sorglose Personenwagen zwischen Elefanten, Raubkatzen, dichter Lianen- und Palmenwildnis. Als Nutzfahrzeuge sind namentlich Feuerwehrautos beliebt. Eine achtjährige Berliner Preisträgerin umgibt ihr winziges Feuerwehrauto mit himmelhohen Leitern, auf denen fröhliche Feuerwehrmännlein aus hochstrebenden Schläuchen in Wolkenkratzerhöhe das Feuer bekämpfen. Unter den Gemeinschaftspreisträgern ragt eine Kleinstadt-Volksschulklasse hervor, die einen riesigen Autotransporter gemalt hat. Als Preise wurden Autobusreisen in Europa ausgesetzt.

Für eine Gruppe von Kindern hat der Wettbewerb eine besonders große Bedeutung gehabt: für die an Kinderlähmung Erkrankten des Schwabinger Kinderkrankenhauses. Man sieht nicht, – wieviel Überwindung körperlicher und seelischer Behinderung hinter diesen bunten kleinen Arbeiten steht. Halbgelähmte kleine Hände mühten sich und malten tapfer. Wieviel Gutes kann ein Trostpreis bei diesen Kindern bewirken! Der Wettbewerb hat gezeigt, daß auch das aktuelltechnische Thema "Auto" die schöpferische Phantasie zu wecken vermag. Damit läßt sich der in vielem berechtigte Kultur-Pessimismus immerhin in wichtigen Teilen revidieren. M. M. G.