A. S., London, im Juni

Die Haltung der englischen Sozialisten zur Atombewaffnung war seit jeher zwiespältig. Unter den Parteiführern treten viele dafür ein, daß Großbritannien seine Atombombenproduktion einstellt – gleichviel, was die anderen Mächte tun. Aber die große Masse der Labourwähler hat für diese Auffassung wenig übrig: sie sähe es ungern, daß England die Waffe aus der Hand gibt, auf der sein Anspruch als Großmacht heute beruht. Und jene Labourführer, die außenpolitisch zu denken gelernt haben, tragen starke Bedenken, auf ein Instrument zu verzichten, mit dem sich in diplomatischen Verhandlungen so vortrefflich operieren läßt.

Keiner wurde zwischen diesen widerstreitenden Gefühlen und Erwägungen stärker hin und her gerissen als Aneurin Bevan, der "Außenminister" im sozialistischen "Schattenkabinett". Er stand einst an der Spitze der Bewegung "Ächtet die Bombe", bis er vor zwei Jahren, beim Parteitag in Brighton, seine berühmte Volte schlug und sich dafür einsetzte, daß England weiterhin Atombomben herstelle. Sein Argument: Wenn er Außenminister werde, wolle er nicht "nackt in den Konferenzsaal" treten ...

Damals hieß es, Bevan habe rein taktischen Überlegungen seine persönliche Überzeugung geopfert. Auf jeden Fall wurde in der folgenden Zeit klar, daß er mit seiner Voraussage Recht behielt, die Achtung der Bombe sei keineswegs eine zugkräftige politische Parole.

Jetzt aber scheint sich das Blatt zu wenden. Der österliche Protestmarsch nach Aldermaston hat seinen Eindruck nicht verfehlt. Seitdem sind immer mehr Anzeichen für den Stimmungswandel in der Öffentlichkeit sichtbar geworden. Am wichtigsten war unzweifelhaft der Entschluß der gemeinhin recht konservativ eingestellten Kommunalarbeitergewerkschaft, fortan für die Ächtung der britischen Bombe zu plädieren. Viele Labourpolitiker befürchten, daß andere Gewerkschaften diesem Beispiel folgen werden und daß dann auch die Labour Party, die ja weithin von den Gewerkschaften abhängig ist, genötigt wird, ihre bisherige Linie zu ändern.

Sollte es dahin kommen, so wäre das für Bevan ein Schlag von grausamer Ironie. Er hat den Gewerkschaftsbeschluß heftig angegriffen und jeden einseitigen britischen Verzicht auf die Atombombe rundheraus als "selbstmörderisch" bezeichnet. Wenn freilich die Anti-Atom-Bewegung innerhalb der Gewerkschaften an Gewicht und Einfluß gewinnt, dann könnte es leicht sein, daß Bevan am Ende isoliert dasteht – als einsamer Prediger gegen einen Vorschlag, der Vor Jahren von ihm selbst ausging...