Aber schlagen wir ein anderes Blatt der Geschichte auf, das uns in manchem noch ferner sein mag als die Antike mit ihren Bürgersoldaten und Bürgertugenden und doch auch wieder einen Bezug zu wesentlichen Erscheinungen unserer Tage hat. Es liegt ein Glanz über den ritterlichen Kämpfen des feudalen Zeitalters, von der Dichtung über sie gebreitet und von späterem Nachempfinden noch weiter romantisiert.

Gewiß war dies oft eine Kriegführung mit mâze, mitunter mehr dem Turnier nachgebildet, bei dem das Leben des Ritters nicht zu Schaden kommen soll, in jedem Fall gebändigt von dem ständisch bestimmten Sittenkodex der internationalen Adelsgesellschaft. Und gewiß hat sich einiges von diesem ritterlichen Geist im Kriegertum späterer Zeiten erhalten, nicht nur in merkwürdigen Resten wie dem gelegentlichen Vorschlag, den Kampf der Heere durch ein Duell ihrer Führer auszutragen oder in der Aufforderung an den Gegner bei schon rangierter Schlacht: Bitte, schießen die Herren zuerst.

Daß dieses Rittertum seine große Zeit gehabt hat in der Sicherung des Abendlandes gegen Araber und heidnische Ungarn, daß seine Kämpfe unter christlichen Vorzeichen standen und von echter Glaubenshaltung getragen waren, von den Kreuzzügen bis zu den Türkenkriegen, ja bis zu dem ritterlichen polnischen König, dem Befreier von Wien im Jahr 1683, wird auch der Realist, der auf andere, gewiß auch vorhandene Motive größeren Nachdruck legt, nicht bestreiten. Aber die Schwertmission, die dem 13. Jahrhundert eine geläufige Vorstellung war, hat sich uns allerdings in ihrem Umschlag ins Unmenschliche enthüllt.

Wir wissen, daß die spanischen Eroberungszüge in Südamerika, die in einem ihrer Motive ja auch Kampf um das Seelenheil der Heiden mit dem Schwerte waren, daß Religionskriege und daß ideologische Kriege, die ja nichts anderes als verweltlichte Kreuzzüge sind, um die Glaubenslehre der Demokratie oder des Kommunismus oder die unfrohe Botschaft vom Auftrag einer Herrenrasse zu verbreiten – wir wissen, daß sie zu den in die menschliche Substanz eingreifendsten der Geschichte gehören, eben weil sie Überzeugungskriege sind oder zu sein beanspruchen.

Doch ich möchte, ehe wir der Gegenwart nähertreten, noch eine Etappe in die Skizze unseres Problembereichs eintragen, die wir als Kontrastbild brauchen, gewiß nicht der Menschlichkeit, sondern einer begrenzten Form des Krieges, die übrigens in gewissen Vorschlägen unserer Tage zur Vermeidung des Schrecklichsten wieder auflebt. Diese Etappe wird durch die Ausbildung der stehenden Heere in den absoluten Staaten des Festlands bezeichnet. Damit verschwinden die Landsknechte und die zuchtlosen Söldnerhaufen, die der Dreißigjährige Krieg zurückgelassen hat. Es verschwinden mit der Erstarkung des Staats die Religionskämpfe, die inneren Fehden, die Aufstände des landsässigen Adels. Um so mehr aber haben die Staaten oder Fürsten für Ruhmsucht und Ehrgeiz, für ihre Selbstbehauptung oder ihre Machtausdehnung, für den Kampf um das Gleichgewicht oder um haltbare Grenzen ein stets bereites Instrument zur Verfügung.

Es besteht aus langdienenden Berufssoldaten, geworben oder ausgehoben, in derem Drill gewiß keine Menschlichkeit herrscht; schon die stete Gefahr der Desertation stellt sie unter die Fuchtel, nach einem bekannten preußischen Wort sollen sie ihre Offiziere mehr fürchten als den Feind. Aber jeder dieser in Jahren ausgebildeten Soldaten stellt ein wertvolles Stück Staatskapital dar, das man nicht leichthin aufs Spiel setzen darf. Man muß ihn zudem aus Magazinen verpflegen, die Armee lebt so nicht mehr wie von alters her aus dem Lande, der Krieg ernährt nicht mehr den Krieg.

Damit ergeben sich aus dem Charakter dieser gepreßten und gedrillten Heere einige sozusagen indirekt humanisierende Wirkungen auf die Art der Kriegführung. Man liegt sich monatelang fast untätig gegenüber, höchstens in einer Art Belagerungskrieg, man sucht die Entscheidung durch kunstvolle Manöver, durch Finten und Umgehungsmärsche eher als durch blutige Schlachten. Hinzu kommt die finanzielle Schwäche der beteiligten Staaten. Wenn die Armee außer Landes geht, klagt der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., sinken die Steuereinnahmen um die Hälfte. Man muß haushalten mit den Dukaten wie mit den Soldaten. Im Winter hört der Krieg ganz auf, man geht in die Quartiere, und die Offiziere reisen wohl gar durch die feindlichen Linien unbehelligt nach Haus.