Die Erfahrungen des amerikanischen Bürgerkriegs sind in Europa wenig zur Kenntnis genommen worden. Ich habe eingangs der Begeisterung gedacht, mit der 1914 der Ausbruch des großen Ringens nicht nur bei uns, sondern bei allen Völkern begrüßt worden ist. Sie wurde in der Folge schwersten Belastungen unterworfen – und zwar nicht nur den militärischen der Materialschlachten und des Trommelfeuers, die Division nach Division zur Schlacke ausgebrannt haben, und die mit der Anonymität und Kollektivität des Todes alle romantischen Vorstellungen vom Soldatentum vollends zerstörten. Reichtum oder Armut an Nahrungsmitteln und Rohstoffen, Offenhalten oder Abschneiden der Verbindungswege über See, Fülle und Güte vor allem der industriellen Produktion schienen den Wert von Mannesmut und Standfestigkeit zu überwiegen. Die Dämonie des technisierten Krieges ergriff alle beteiligten Völker und in allen ihren Lebensbereichen.

An Völkerrechtsbrüchen fehlte es nicht. Sie wurden mit einseitiger Zuspitzung nur Deutschland zur Last gelegt und halfen den in der Verschiedenartigkeit von Verfassungsinstitutionen und kulturellen Überlieferungen gegebenen Ansatz eines Weltanschauungskampfes ideologisch zu unterbauen. Noch schwerer wohl wog, daß auf deutscher Seite selbst der Verteidigungsgedanke durch die Einmischung grober wirtschaftlicher Interessen und annexionistischer Begehrlichkeiten ausgehöhlt wurde. Gleichwohl ist im Versuch, das Schicksal zu wenden, im Aushalten, im Schutz des Heimatbodens Unvergängliches noch geleistet worden, bis zum bitteren Ende hin.

Daß dieses Ende – unter Umkehrung eines bekannten Clausewitzwortes – Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln war, daß die volle Schwierigkeit sich enthüllte, vom total werdenden Krieg mit seinen Opfern, Zerstörungen und Leidenschaften den Übergang zu finden zu einem Frieden, wenn nicht der Menschlichkeit, so doch der politischen Vernunft, daß die Sieger selbst ihr berechtigtes Wiedergutmachungs- und Sicherheitsbedürfnis überschritten, daß sie weithin Opfer ihrer eigenen Propaganda wurden, gehört zum unmittelbaren Erfahrungsgehalt unserer Generation.

Nichts wäre freilich abwegiger, als von hier eine gerade Linie zu 1939 zu ziehen. Vielerlei liegt dazwischen, was nicht auf Fatalität, sondern menschlicher Entscheidungsfreiheit beruhte. Zwar erfüllten sich die Hoffnungen auf den Völkerbund als ein Mittel zu friedlicher Revision nicht und als ein Instrument zur Kriegsverhütung nur in Nebenfragen. Aber mit dem Eintritt Deutschlands verlor er den Charakter eines Bündnisses der Sieger.

Das Verhältnis zwischen den Völkern der westlichen Welt begann sich in den späten Zwanzigern, ehe sie alle in den Strudel der Weltwirtschaftskrise gezogen wurden, merklich doch zu ändern.

Hier aber rühre ich an den fundamentalen Wandel, den ich einleitend angedeutet habe. Um ihn sich klarzumachen, mag man einen Augenblick sich der Straßenszenen des Juli 1914 in allen europäischen Hauptstädten erinnern, auch noch der ähnlichen Vorgänge in Rom 1915 und selbst noch 1917 in Washington, als der Krieg doch schon sein Antlitz voll enthüllt hatte. Und man mag dann hinübersehen nach Paris und London, nach Berlin und Rom im September 1938 und im August 1939 oder noch einmal nach Washington im Dezember 1941.

Von Kriegsbegeisterung war nirgends etwas zu spüren. Was vorwog, war ein Bewußtsein bitterer Notwendigkeit, eine Entschlossenheit zur Pflichterfüllung, willig oder resigniert, aber ohne Illusion. Das war eine Haltung, wie sie für Deutschland insbesondere durch zahlreiche Zeugnisse belegt ist, nicht zum wenigsten durch Hitlers Vorwürfe gegen ein Volk, das so schwer in Schwung zu bringen sei, oder gegen die Berliner, die im September 1938 den Durchmarsch einer motorisierten Division mit eisigem Schweigen beantworteten. Daß von spontanem Kriegswillen nichts zu spüren war, wird jeder bestätigen können, der das Jahr von München bis zum Angriff auf Polen bewußt miterlebt hat.