Es kam hinzu, daß dem totalen Krieg in Deutschland eine totale Politik der Unmenschlichkeit vorausgegangen war, mit der blutigen Verfolgung vermeintlicher oder wirklicher Gegner, mit Gewissenszwang und Martyrium, mit der Austreibung oder Austilgung von Rassefremden, mit der Vernichtung des sogenannten lebensunwerten Lebens oder des "Ungeziefers" in der Sprache des Regimes, und daß diese Politik sich in den Krieg hineinzog und in ihm gipfelte. Ei ging in ihm nicht nur um Raumgewinn bis zum Ural, sondern um jenen Himmlerschen "Pflanzgarten" einer angeblichen Herrenrasse, den es von Unkraut zu säubern galt, um den Versuch einer "Umvolkung" mit der kalten Rationalität technischer Machbarkeit. So kam es zur gesteigerten Übertragung der Gestapomethoden auf die Besatzungspolitik, zu den Vergasungslagern und den Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes, zu der planvollen Dezimierung und Proletarisierung für minderwertig gehaltener Völker.

Auch dagegen hat es Empörung aus echtem militärischem Empfinden gegeben. Man weiß von Regimentskommandeuren, die gegen das Morden der SS im Polenfeldzug mit Waffengewalt einschritten, aber sie wurden von oben nicht gedeckt, und die Proteste der Armeeführung verhallten ungehört. Wie tief, was damals geschah und Weiter geschehen sollte, von Menschen wachen Gewissens empfunden werden konnte, zeigt der Brief des späteren Generalmajors Stieff, der unter den Eindrücken der Vorgänge in Polen an seine Frau schrieb: "Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein."

Es war aus solcher Erfahrung, daß er zu den Männern des 20. Juli stieß, denen es im innersten Kern ja um nichts anderes als die Wiederherstellung der Menschenwürde und die Reinigung des deutschen Namens ging. Für die Truppe im ganzen war das kein möglicher Ausweg. Sie konnte wohl unter einsichtiger Führung Grausamkeiten ausweichen, etwa in der Frage des Kommissarbefehls, sie konnte im einzelnen Menschlichkeit üben, so schwer das unter den Bedingungen des Partisanenkriegs sein mochte; auch die Geschichte der Besatzungspolitik zeigt, namentlich im Westen, einige hellere Blätter. Im ganzen aber blieb für den im Kampf stehenden Offizier und Soldaten nur das Gebot entsagungsvoller und opferreicher Pflichterfüllung, insbesondere für die schwer bedrängte Front im Osten. Begreiflich genug, daß man sich nach Möglichkeit abwandte von dem, was man nicht umhin konnte zu sehen, und nur der Aufgabe des Tages und der Stunde lebte.

So kam es noch einmal, und ergreifender als 1918, zu jenem letzten Anringen, das in der Verteidigung des Heimatbodens oder dem Halten eines schützenden Gürtels im Südosten bis zum Ende noch geleistet wurde – um so ergreifender, je illusionsloser es geschah, ohne Hoffnung auf Wunderwaffen oder nicht mehr existierende Armeen. Auch Marineeinheiten boten noch einmal das Äußerste auf, um bedrohte Menschen zu retten, und die militärische Führung mühte sich nach Kräften, Flüchtlinge und ganze Truppenteile dem russischen Zugriff zu entziehen. Mit welcher Last die Flut des angestauten Hasses auf deutsche Menschen im Osten und auf ganz Deutschland zurückschlagen würde, sahen wohl nur wenige voraus. Eine Fieberwelle der Vergeltung entband sich, in derem Anbranden, wie im Nationalsozialismus selbst, viel Untergründiges emporgespült wurde. Immer besteht ja in Weltanschauungskriegen die Gefahr, sich mit dem Gift zu infizieren, gegen das man kämpft.

Auch die Fülle solcher Folgeerscheinungen, auch der Krieg nach dem Krieg, wie der vor und neben ihm gehört in unseren Rückblick: Der Gedanke an die Toten des zweiten Weltkriegs verbindet sich mit dem an die Opfer politischer und rassischer Verfolgung ebenso wie an die nach Abschluß der Feindseligkeiten Ermordeten, die auf der Flucht Ertrunkenen oder im Schnee Verkommenen, an die Erfrorenen oder Verhungerten der Zwangsmärsche und Zwangslager.

Man berechnet, daß bei der Flucht und Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung aus den Ostgebieten allein 1,6 Millionen Menschen ums Leben gekommen sind. In einer mehrbändigen Dokumentation sind erschütternde Erlebnisberichte über diesen Gesamtprozeß veröffentlicht worden, nicht um Haßgefühle zu pflegen, sondern damit es – nach jenem Bismarckwort – "nicht wieder geschehe". Dieser Publikation ist ein kleiner Band vorausgegangen, der den Titel trägt: "Dokumente der Menschlichkeit." Er bezeugt in zahlreichen Berichten die Hilfe, die deutschen Flüchtlingen und Verschleppten von kriegsgefangenen Franzosen und Litauern, von Letten und Esten, von Polen und Tschechen, nicht zum wenigsten auch von Russen bis zur Verteidigung deutscher Frauen hin zuteil geworden ist. Aus diesem Bande mögen die Worte eines Polen, der während der Hitlerzeit schwere Internierungsjahre in Deutschland verbracht hatte, hier zitiert werden:

"Sieger," so sagte er zu einer Deutschen in der Tschechoslowakei, "sind nicht dort die wilden, rachedurstigen, beutegierigen Menschen, die im Vollbesitz ihrer Macht... an uns vorbeifahren. Sieger sind vielleicht Sie und ich, weil wir inmitten eines solchen Chaos Nächstenliebe üben und versuchen, auch in den einfachen Dingen des Lebens unsere Nationen und die Menschheit würdig zu vertreten