Bonn, im Juni

Wieder einmal drang Friedensgeläute aus dem Fraktionssaal der CDU. Aber noch traut man ihm nicht so recht. Zu frisch ist noch die Erinnerung an eine ähnliche Versöhnungsszene, die, kaum photographiert, bereits in eine Interview-Kanonade ausartete.

Diesmal wurden allerdings in den neuen Kontrakt festere Sicherungen eingebaut. Der Kanzler erklärte in einem Brief, den ihm in erster Linie der Abgeordnete Pferdmenges abgerungen hatte, daß Erhard auch als "Politiker" sein volles Vertrauen genieße. Er lobte Erhards Verdienste um die europäische Wirtschaftspolitik und sicherte ihm die Erhaltung der Zuständigkeiten zu, die ihm bei der Regierungsbildung übertragen wurden. Im Lichte dieser Erklärung nehmen sich die eben veröffentlichten Interviews, in denen der Kanzler den Politiker Erhard und seine europäische Wirtschaftspolitik sehr viel skeptischer beurteilt, gewiß recht eigenartig aus.

Erhard zeigte sich diesmal fester als vor vierzehn Tagen. Nicht nur, daß er verlangte, der Kanzler müsse sich deutlich von seinen kritischen Äußerungen über ihn, den Bundeswirtschaftsminister, distanzieren; er schoß auch ganz massiv zurück. Es sei der irrige Eindruck entstanden, Adenauer sei der einzige Bürge für die notwendige Kontinuität der deutschen Politik. Aber nicht nur Adenauer, sondern weite Kreise des deutschen Volkes hätten sich in der Weltöffentlichkeit Vertrauen erworben, heißt es in Erhards Brief an Adenauer.

In der Fraktion gab es mehr Erregung als echten Kampfeswillen; der Versuch einzelner Abgeordneter, das Verhalten des Bundeskanzlers gegenüber Erhard ausdrücklich zu mißbilligen, schlug fehl. Was aber Krone im Namen der Fraktion feststellte und der Öffentlichkeit zur Kenntnis gab, trägt unverkennbar den Stempel der Mißbilligung gegenüber Adenauer. Krone ist in dieser Affäre über sich hinausgewachsen. Er hat sich nicht nur als der so oft bewährte geschmeidige, sondern auch als ein zur Festigkeit entschlossener Mann gezeigt. Und er war schließlich nicht nur ein redlich um die Sache bemühter Makler, er mußte sich auch mit der durch des Kanzlers Verzicht auf das Präsidentenamt veränderten Lage abfinden, die ihm bereits zugesagte neue Wirkungsmöglichkeiten rasch versinken ließ.

Es hatte sich in der Fraktion wie in der Partei und draußen im Lande viel Ärger über den Bundeskanzler aufgestaut. Wenn man in Bonn in Gruppen oder Grüppchen beisammensaß, ließ man seinen Zorn die Zügel schießen, und einige entwarfen unmutsvolle Erklärungen der Partei. Aber es stand von vornherein fest, daß sie nicht angenommen würden. Immerhin hatten sie auf den Ablauf der Beilegungberatungen und die Fraktionsdebatte selbst eine stimulierende Wirkung. Wer freilich an so drastische Maßnahmen dachte wie die Entfernung Dr. Adenauers vom Parteivorsitz (und es gab in der Tat Männer, die so etwas nicht nur dachten, sondern sogar aussprachen), der mag von dem Resultat der Schlichtungsbemühungen enttäuscht sein. Freilich sollten die so Enttäuschten sich vor Augen halten, daß der Mut mit dem Quadrat der Annäherung an Bonn abnimmt.

Als der Zorn über des Kanzlers Äußerungen noch wild kochte, war gelegentlich von einer nationalliberalen Gruppe die Rede, die man scherzhaft auch die "Brigade Erhard" nennt. Aber: es ist keine Brigade, es ist nicht einmal eine Kompanie. Es ist ein Häufchen. Ein Häufchen, nicht nationaler oder liberaler als viele andere in der CDU, und ganz gewiß nicht zu einer ernsten Kampfansage an Dr. Adenauer entschlossen.